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Zurück zur Normalität?!

VLKÖ Premium Talk: Der Weg durch die Pandemiezeit ist in vielerlei Hinsicht kein einfacher. Wie leitende Krankenhausärzte diese Herausforderung annehmen können, beschreibt Prim. Univ.-Prof. Dr. Matthias Rab. FH-Prof. MMag. Dr. Kathrin Stainer-Hämmerle ergänzt die Perspektive der Gesundheitspolitik.


FH-Prof. MMag. Dr. Kathrin Stainer-Hämmerle, Prim. Univ.-Prof. Dr. Matthias Rab

? Was sind die bis jetzt wichtigsten Learnings aus den letzten drei Monaten im Zeichen der Pandemie?
Stainer-Hämmerle: Covid-19 hat gezeigt, dass Politik und Wirtschaft nicht alles regeln können und wie wichtig gesellschaftlicher Zusammenhalt ist. Unabhängig von den politischen Maßnahmen funktioniert die Bekämpfung einer Pandemie nur durch Disziplin der Bevölkerung und diese basiert auf Vertrauen in die Regierenden. In Österreich sind dementsprechend die Werte der Regierung zu Beginn stark angestiegen. Doch der Lockdown war einfacher als das Wiederhochfahren. Der wirtschaftliche Schaden wurde rasch zu einer ähnlichen Bedrohung wie die gesundheitlichen Risiken. Zugleich begann die Bevölkerung zu vergleichen, ob das Motto „Koste es, was es wolle“ wirklich für alle gilt. So wich die Erleichterung, dass Österreich gesundheitlich gut durch die Krise kam, einem Vergleich zwischen gesellschaftlichen Gruppen wie Selbstständigen und Angestellten, Gastwirten oder Handelsbetrieben, Ein-Personen-Unternehmen oder Künstlern. Parallel dazu kehrte die Parteipolitik wieder zum Normalzustand zurück. Hinzu kamen handwerkliche Fehler der Regierung, vor allem in der Formulierung von Gesetzen und Verordnungen.
Für mich sind daher die wichtigsten Learnings, dass transparente Entscheidungsgremien unter Einbezug von Experten, aber auch von allen Parteien und Sozialpartnern notwendig sind, um die gesellschaftliche Breite zu sichern. Zweitens braucht es neben dem Nationalstaat mehr Europa, aber auch eine Stärkung der regionalen Ebene, um flexibel durch die gesamte Krise zu kommen. Kooperation und rasche Reaktion auf veränderte Bedingungen, kombiniert mit einer hohen Aufklärung der Bevölkerung, mit einem Bewusstsein der Notwendigkeit und Gerechtigkeit der Maßnahmen, werden wohl zukünftig die Zauberformel bilden. Klingt kompliziert, da aber nicht so rasch mit einem Ende der Pandemie zu rechnen ist, wohl der einzige Weg.

? Haben Sie oder Kollegen im VLKÖ in den Spitälern Kollateralschäden beobachten können, und wenn ja, welche Patientengruppen sind besonders betroffen?
Rab: Ich spreche hier von meinem Spital, meiner Abteilung in Klagenfurt. Ich denke jedoch, dass die Situation in den anderen Häusern ähnlich war. Im Rahmen des unmittelbaren Lockdowns sind wir besonders vor logistische Probleme gestellt worden. Dabei handelte es sich um Themen wie infizierte und nicht infizierte Patientenströme und -pfade leiten und koordinieren, Operationen und Ambu­lanztermine sowie nicht lebensnotwendige Behandlungen absagen oder verschieben, mit begrenzten Einmalartikeln und Beatmungsgeräten haushalten, Krisenstabe konstituieren und besuchen sowie, zuletzt ganz wichtig, auch auf die Gesundheit und Einsetzbarkeit der eigenen Mitarbeiter achten.
Aufgrund der Nichteinschätzbarkeit der Lage wurden in den meisten Häusern zu viele stationäre Betten für Covid-19-Fälle vorgehalten. Am Ende wurde keines der Spitäler im Bundesgebiet an die Kapazitätsgrenze gebracht, und das ist gut so. Durch die Zahlen und Erfahrungen in und aus Italien und Spanien waren wir gut vorbereitet und konnten vieles, was dort schiefgelaufen ist, bereits im Ansatz abfedern. Dieser Wissensvorsprung, gepaart mit unserem deutlich moderneren Gesundheitssystem, hat uns vor vielen Kollateralschäden bewahrt.
Was die Patientengruppen angeht, ist Folgendes vereinfacht zu sagen: Diese virale Infektion mit Covid-19 führt offenbar in schweren Fällen zu einer interstitiellen Pneumonie mit Dauerschäden des Lungengewebes. Sollte also ein Patient diese Lungenentzündung überstanden haben, so können eine Reduktion seiner Vitalkapazität und die Lungenfibrose die Folge- und Dauerschäden sein. Demzufolge wurden als Risikogruppen, welche auch dann im vermehrten Maße an der Intensivstation behandelt werden mussten, Patienten über 50 Jahre mit Übergewicht und/oder Nebenerkrankungen, und hier besonders Lungenerkrankungen, definiert.

? Wie werden die Auswirkungen der Pandemie das Gesundheitssystem langfristig belasten?
Rab: Wir haben heute die globale 20-Millionen-Marke der Covid-19-Infizierten überschritten. Das ist leider nur die offizielle Zahl ohne Bezugnahme der fehl- oder nicht-diagnostizierten Dunkelziffer! Mit anderen Worten befinden wir uns auf der Welle eines globalen Pandemie-Tsunamis, der seit März 2020 die Erdgeschichte massiv beeinflusst und verändert. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich dadurch nicht nur das Gesundheitssystem, sondern jegliche Form der menschlichen Kommunikation, Interaktion, Lebensweise und Lebensstil verändern muss. Wir müssen froh sein, dass unser Gesundheitssystem, an dem in den letzten Jahren immer wieder eingespart wurde, doch noch so fit, zeitgemäß entwickelt und dimensioniert ist, nicht neu überdacht oder revolutioniert werden muss wie in anderen
Ländern. Dennoch sollte dieser Pandemie-Tsunami die Gesundheitsökonomen unseres Landes zum Überdenken der Betteneinsparungen und Billigeinkäufe vom Medizinprodukten aus Asien bringen.

? Wie können wir das Gesundheitssystem, während die Pandemie „weiterläuft“, parallel besser rüsten? Was sind Ihre Top-5-Maßnahmen?
Stainer-Hämmerle: Politik schafft nicht nur die gesetzlichen Rahmenbedingungen, sondern sorgt auch für die finanzielle Ausstattung des Gesundheitswesens. Beides ordnet sich politischen Zielen unter, etwa der Vermeidung eines Zwei-Klassen-Systems oder der nachhaltigen Finanzierbarkeit ohne stark steigender Staatsverschuldung. Spannend wird es aus politischer Sicht bei Eingriffen in die Grundrechte. Die Parteien werden etwa entscheiden müssen, ob es zu einer Impfpflicht kommen wird. Neben der Finanzierung und notwendigen, klar definierten gesetzlichen Rahmen zählen zu den Top-5-Maßnahmen die Installierung von multidisziplinären Entscheidungsgremien, bei der durch die Vertretung von Experten aus verschiedensten Disziplinen die Auswirkungen auf möglichst viele Bereiche wie Bildung oder Arbeitsmarkt, abgeschätzt werden können. Zweitens die Aufklärung der Bevölkerung, um die Freiwilligkeit bei Einhaltung der Maßnahmen zu erhöhen. Drittens flexible Vorhaltung von Kapazitäten sowohl bei medizinischen Geräten, Betten als auch Schutzkleidung und Testmaterialen. Hier zählen vor allem Kooperation und Kommunikation zu den Erfolgsfaktoren, um rasch und koordiniert zu reagieren.

? Einsparungen im Gesundheitswesen sind nach wie vor nicht vom Tisch. Wo darf keinesfalls gespart werden, wo gibt es Optimierungspotenzial, sodass wir für Entwicklungen, wie wir sie derzeit erleben, auch gut gerüstet sind?
Rab: Ich denke, dass wir bereits gut gerüstet sind. Die öffentliche Diskussion über ein Optimieren des Gesundheitssystems ist derzeit Krisen-getriggert, jedoch berechtigt und gut. Wie schon Dr. Stainer-Hämmerle ausgeführt hat, wird es an der Politik liegen, die Sparstifte für das Gesundheitssystem der vergangenen Jahre nun zur Seite zu legen und ein Hauptaugenmerk auf ein Wiedererlangen einer europäischen Unabhängigkeit im Medizinprodukte- und Medikamentenbereich zu schaffen. Für dieses spezifische Optimieren braucht es eben nicht nur den Nationalstaat, sondern mehr Europa!

? Können wir uns überhaupt auf alle „Gesundheitskrisen“ gut genug vorbereiten?
Stainer-Hämmerle: Ein „Vollkasko­staat“ ist eine Illusion, weder die Politik noch Versicherungskonzerne können uns vor allem schützen, sondern nur die Lasten gerechter verteilen. Wir haben dies in den letzten Jahren öfter erlebt, sei es beim Rinderwahnsinn in den 1990er-Jahren, den Terroranschlägen in den USA 2001, beim Finanzcrash 2008, der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 oder bei der Flüchtlingskrise 2015. Alles Ereignisse, die unsere Systeme in Frage gestellt haben, deren Ursachen menschengemacht sind und die uns dennoch überrascht haben, weil die Risiken irrtümlicherweise eingrenzbar schienen. Die größte Herausforderung mit gravierenden Auswirkungen steht uns mit dem Klimawandel noch dazu bevor.

? Wo sehen Sie den gangbaren Weg zwischen Lockdown und Herden­immunität? Wie viel Viruslast kann zulasten der Ökonomie eines Landes in Kauf genommen werden?

Rab: Ich schätze, dass wir diesen angesprochenen Weg nur minimal beeinflussen werden können. Herdenimmunität wird sich als ein Nebenschauplatz wohl oder übel partiell einstellen, sollte jedoch wie aus anschaulichen nationalen Beispielen bekannt, nicht aktiv gefördert werden.
Das Gesundheitssystem wird sich daher die Mehrkosten potenter Medikamente und Vakzine sowie den Mehraufwand einer Medizinprodukte- und Medikamentenunabhängigkeit national und in Europa leisten müssen. Diese Mehrkosten können jedoch durch die Hochrechungsmodelle der Virologen und Ökonomen gut eingeschätzt und kalkuliert werden und werden uns und die Politik nicht unvorbereitet treffen. rh

FH-Prof. MMag. Dr. Kathrin Stainer-Hämmerle, Studiengangsleitung und Professorin für Public Management, Fachhochschule Kärnten

Prim. Univ.-Prof. Dr. Matthias Rab, FEBOPRAS, 1. Vizepräsident des Verbandes der leitenden Krankenhausärzte Österreichs (VLKÖ) und Vorstand der Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie, Klinikum Klagenfurt

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09. September 2020 von 18:30 bis 19:30 Uhr
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Im Dialog: Josef Penninger, Founding Director IMBA und Univ.-Prof. Dr. Matthias Rab
Anmeldung: www.vlkoe.at


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