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Wo bleibt der Hausverstand?

Dr. Günther Loewit, Wahlarzt im niederösterreichischen Marchegg, hat einmal mehr die Missstände des heimischen Gesundheitswesens unter die Lupe genommen. Nach rund 40 Jahren im Dienst der Patienten resümiert er: „Das System ist ein Moloch, der sich selbst ernährt und sich Kriterien auferlegt, die unerfüllbar sind.“


Dr. Günther Loewit, Wahlarzt im niederösterreichischen Marchegg. Foto: lukas beck

Bürokratie und groteske Schildbürgerstreiche stehen im Mittelpunkt seines neuen Buches. Nach „Der ohnmächtige Arzt. Hinter den Kulissen des Gesundheitssystems“ und „Wie viel Medizin überlebt der Mensch?“ stellt er gewohnt provokant eine zentrale These in den Raum, die Laien und Experten gleichermaßen nachdenklich machen sollte: „Mit etwas mehr Hausverstand, Zeit und Empathie für die Patienten und vor allem mehr Wertschätzung für die Heilkunst und die Ärzte können ohne weiteres sieben Milliarden im Gesundheitssystem eingespart werden, ohne dass ein einziger Patient schlechter behandelt werden würde.“ Angesichts der aktuellen Schlagzeilen sollte nicht nur jeder Arzt, sondern jeder mündige Bürger bei Loewit nachlesen, warum in einem Gesundheitswesen ohne Herz, Hirn und Hausverstand viel Geld sinn- und planlos vergeudet wird. Der Landarzt hat aber auch passende Rezepte parat – wenngleich manche vorläufig nur als Gedankenexperiment ...

? Warum sind Herz, Hirn und Hausverstand in der Medizin abhandengekommen und wie finden wir ihn wieder?
Ich glaube, dass vor allem der Hausverstand von der Medizinindustrie verdrängt wurde. Auch wir Ärzte haben verlernt, ärztlich zu denken. Das ist auch kein Wunder, wenn die Fortbildungen von der Industrie getriggert werden. Das soll kein Vorwurf sein, aber das moderne Arztbild wird von der Pharmaindustrie festgelegt. Wir haben einfach vergessen, dass wir ärztlich denken und handeln dürfen und nicht nur medizinisch-technische Entscheidungen treffen müssen. Der Hausverstand fehlt aber auch bei unseren Patienten, die zunehmend das Gefühl für ihren eigenen Körper verloren haben. Viele können keine Unterscheidung zwischen banalen Infekten und lebensbedrohlichen Erkrankungen machen. Es ist auch kein Wunder, wenn sie von den Medien und der Industrie ständig „aufgeklärt“ werden, dass jedes kleine Wehwehchen auch lebensbedrohend sein könnte.

? Eines Ihrer Zitate lautet: „Das System ist ein Moloch, der sich selbst ernährt und sich Kriterien auferlegt, die unerfüllbar sind.“ Was sind das zum Beispiel für Kriterien?
Menschen mit einem Body-Mass-Index von 23, attraktiv, wohlhabend, klug, immer glücklich und mit einem großen Auto. Die Idealbilder aus der Werbung können von den wenigsten Menschen erfüllt werden und daran zerbrechen viele. Lifestyle-Erkrankungen wie Burnout oder Frustessen sind die unweigerliche Folge. In die Medizin übersetzt sind diese unerfüllbaren Kriterien zum Beispiel Grenzwerte für LDL-Cholesterin, Harnsäure oder Vitamin D. Wir setzen hier Maßstäbe, die schon längst nichts mit einem erfüllten und freudvollen Leben zu tun haben, sondern nur auf eine potenzielle Lebensdauerverlängerung ausgerichtet sind. Manchmal wäre es besser Patienten zu fragen: „Geht’s Ihnen damit auch gut?“

? Sie beschreiben, dass Sie sich manchmal ohnmächtig vor Wut gegenüber den Sinnlosigkeiten des Systems sehen. Wie gehen Sie mit der Ohnmacht um, was haben Sie für Tipps für Ihre Kollegen?
Ich bin Wahlarzt geworden, das war meine beste Strategie, damit fertig zu werden. Ein Grund war die EDV. Da habe ich das erste Mal auf Knopfdruck gesehen, dass der ärztliche Umsatz meiner Ordination im Vergleich zu den verschriebenen Medikamenten in einem Verhältnis von 1:4 stand. Ein Teil war die ärztliche Tätigkeit und vier Teile entfielen auf die Medizinindustrie. Ich war also ein Vermittler von Gütern der Industrie. Als Wahlarzt habe ich jetzt immerhin ein Verhältnis von 1:1, das heißt, dass es mir ansatzweise gelingt, durch gute Gespräche offensichtlich Medikamente einzusparen und damit keineswegs schlechtere Ergebnisse zu erzielen.

? Zeit und Zuhören sind in unserem kassenärztlichen System aber kaum möglich, wo haben Ärzte Spielraum?
Grundsätzlich kann jeder Wahlarzt werden, ich weiß, das ist sehr theo­retisch. Aber wenn wir uns das Gedankenexperiment erlauben, dass von einem Tag auf den anderen alle Ärzte als Wahlärzte ordinieren würden, dann hätten die Kassen ein Problem. Dann müssten sie die Honorare anpassen, denn sie ist gesetzlich verpflichtet, sich der niedergelassenen Ärzte zu bedienen, um die Versorgung sicherzustellen. Aber solange es noch genug Ärzte gibt, die zu den aktuellen Honoraren arbeiten, hat die Kasse keinen Handlungsbedarf.

? Sie beschreiben Beispiele, dass sich die Versorgung vom Hausarzt zum Notarzthubschrauber verlagert, was es um vieles teurer macht. Liegt das am Unwissen der Bevölkerung?
Nur zum Teil. Es liegt auch an uns Ärzten. Wir benötigen dringend eine bessere Ausbildung der jungen Ärzte. Alles, was früher die Landärzte sehr kostengünstig übernommen haben, machen jetzt die Rettungsorganisationen. Bei einem Verkehrsunfall wurde früher ich verständigt, heute ruft mich niemand mehr an. Viele junge Kollegen haben so eine umfassende Allround-Ausbildung gar nicht mehr. Oft können sie in der allgemeinmedizinischen Praxis kleine Wunden gar nicht mehr nähen und schicken diese Patienten ins Krankenhaus. Ich finde das bedauerlich, dass wir die haus­ärztliche Kompetenz zum Teil selbst aus der Hand gegeben haben.
Die Bürger müssen natürlich auch mündiger werden, aber wenn sie das Angebot haben, rund um die Uhr ins Spital gehen zu können, nutzen sie es auch. Daher sind aus meiner Sicht sozialverträgliche Ambulanzgebühren auch ein durchaus probates Mittel, dieser Entwicklung Grenzen zu setzen und die Patientenströme zu leiten.

? Der Titel Ihres neuen Buches weist auf Einsparpotenziale von sieben Milliarden Euro hin. Sparen klingt nach verzichten, doch wer soll oder will als Erster beginnen?
Da geht es gar nicht um große Veränderungen. Wir sind auch in der Medizin wohlstandsverwahrlost. Es wäre zum Beispiel ganz einfach, wenn wir kleinere Medikamentenpackungen verschreiben könnten. Oder wenn wir Patienten fragen, ob sie überhaupt schlucken, was wir verordnen. Ich sehe hier Parallelen zum Lebensmittelhandel: Wir verschwenden hohe Summen, weil einfach genug davon da ist. Zwei Milliarden könnten wir locker sparen, weil die Hälfte der Medikamente gar nicht eingenommen wird.
Weitere Beispiele sind MRT-Untersuchungen oder Laborbefunde, die keine therapeutische Konsequenz haben. Da wäre sicher auch noch einmal eine Milliarde Euro einzusparen, ohne dass es einem Patienten schlechter gehen muss.

? Das einzig funktionierende „Gesundheitssystem“ ist aus Ihrer Sicht der menschliche Körper. Wie ist das zu verstehen?
Ich finde, es ist ein gefährlicher und subtiler Paradigmenwechsel, eine Krankenkasse zur Gesundheitskasse umzuwandeln, weil wir so aus jedem gesunden Bürger automatisch auch einen Kranken machen. Das System signalisiert nun: Jeder muss zu uns. Das ist wie eine Glaubensgemeinschaft, die sich in alle Lebensbereiche einmischt. Man braucht ärztliche Freigaben für das Studium, ärztliche Freigaben für die Arbeit im Lebensmittelhandel, ärztliche Zeugnisse, wenn man Volksschullehrer werden will. Ich habe zum Beispiel einen Anruf erhalten, dass die Schüler der vierten Klasse untersucht werden müssen, weil sie auf Klassenfahrt ins Waldviertel fahren. Jetzt frage ich mich – wenn diese Schüler jeden Tag im Marchfeld leben können ohne ärztliches Attest, wieso können sie dann nicht drei Tag auch im Waldviertel leben? Niemand kommt mehr an der Medizin vorbei. Aber ist das wirklich unsere Aufgabe und der Sinn der ärztlichen Heilkunst?

? Basis des Gesundheitssystems ist eine Arzt-Patienten-Beziehung. Wohin soll sich das System entwickeln?
Ich als Arzt brauche zur Behandlung keine Juristen, keine IT-Techniker, keine Lenkungsausschüsse, keine Strukturpläne und keine Diabetes­ambulanzen. Ich benötige einen Patienten, der das macht, was ich mit ihm vereinbare. Was haben Diabetesprogramme für einen Sinn, wenn der Patient isst, was er will und seine Medikamente nicht nimmt? Ohne Verfassungsreform und der Finanzierung aus einer Hand wird sich da nicht viel ändern. Jeder im System wird darauf achten, dass es ihm gut geht und er seinen Teil abbekommt. Da bräuchte es schon einen Alexander den Großen, der diesen gordischen Knoten löst.

? Nach der Veröffentlichung Ihres Buches hat Sie Gesundheitsminister Anschober zu einem Gespräch eingeladen. Wie war der Termin?
Es hat uns sehr interessiert zugehört, sich ein Bild gemacht und sehr kluge Fragen gestellt. Ich war gemeinsam mit dem Kollegen Likar dort und wir haben versucht alles zu deponieren, was die Medizin für uns interessant und für Politiker unverständlich macht. Ende April haben wieder gemeinsam den nächsten Termin – bei den Chefs der Gesundheitskasse.

? Mit Geld lässt sich der Tod nicht verhindern. Wir geben für die letzten drei bis sechs Lebensmonate so viel aus, wie für das gesamte Leben zuvor. Wie lässt sich das ändern?
Durch das Gespräch mit den Angehörigen und den Patienten, wie man das Lebensende gestalten will. Mit guter begleitender Palliativmedizin ist ein würdevoller Tod möglich. Jeder Patient, der während einer Chemotherapie sterben muss, ist eine Schande für die Medizin!

?Sie beobachten, dass der selbstständige Hausarzt durch angestellte Ärzte ersetzt wird, weil die Politik damit die Kontrolle ausweiten kann. Wohin entwickelt sich das?
Ich habe absolutes Verständnis, dass es der Medizin guttut, wenn sie weiblicher wird. Und ich verstehe, dass Frauen geregelte Arbeitszeiten und die Möglichkeit haben wollen, Teilzeit zu arbeiten. Das wäre ja alles kein Problem, wenn man uns Ärzten erlauben würde, andere anzustellen. Es muss für Vollblutmediziner – und die gibt es –, die ähnlich ticken wie ich, auch Raum geben, ihre Ordination nach ihren Vorstellungen zu führen. Aber auch hier regelt die Politik wieder, wie ein Arzt zu arbeiten hat. Ich behaupte, jede Landarztordination ist von den Aufgaben her schon ein kleines Primärversorgungszentrum und wir führen hier Schein­gefechte, damit die Landärzte ausgehungert werden und die Honorare nicht erhöht werden müssen.rh


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