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Pharmaforschung in Österreich

12,8 Milliarden Euro sind 2019 laut Statistik Austria in Forschung und Entwicklung geflossen. Damit stieg die Forschungsquote auf 3,19 %. Im EU-Vergleich liegt Österreich damit weit über dem Durchschnitt. 2020 war bisher vor allem geprägt von einem regelrechten Wettlauf um Medikamente und Impfstoffe gegen Covid-19 – mit wichtigen heimischen Beiträgen.


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quelle: paul, s.m., et al.: nature reviews drug discovery 9, 203-214 (2010) © pharmig – verband der pharmazeutischen industrie österreich, 2020

Grafik: apa, quelle: statistik austria

© pharmig – verband der pharmazeutischen industrie österreich, 2020

Die Entwicklung von Medikamenten ist ein sehr risikoreiches Unterfangen, betont die PHARMIG, Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs: Von 5.000 bis 10.000 Anfangssubstanzen erlangt im Durchschnitt schlussendlich eine einzige als Medikament tatsächlich die Zulassung. Aktuellen Untersuchungen zufolge liegen die durchschnittlichen Kosten der Entwicklung eines neuen innovativen Medikamentes bei bis zu 2,6 Milliarden US-Dollar (DiMasi et al. 2016). Entsprechend groß ist der zeitliche und finanzielle Druck bei der Entwicklung von neuen Medikamenten.

In den letzten Jahren wurden in der EU/im EWR ungefähr 4.400 klinische Prüfungen jährlich beantragt, knapp 300 in Österreich. Insgesamt war die Anzahl von Anträgen für klinische Prüfungen in Österreich in den Jahren 2007 bis 2011 innerhalb von Schwankungsbreiten konstant. Seit dem Jahr 2012 ist jedoch ein deutlicher Rückgang zu erkennen. Nach dem Tiefpunkt im Jahr 2017 wurden 2018 und 2019 erfreulicherweise wieder mehr Anträge gestellt. Der Anstieg ist hauptsächlich auf kommerzielle Studien zurückzuführen. Der Anteil an multinationalen Studien hat 2019 seinen Höchststand erreicht.

Im EU-Schnitt werden laut Pharmig rund 80 % der klinischen Prüfungen von der Pharmaindustrie durchgeführt (Industrie-gesponsert); 20 % von akademischen Wissenschaftlern (akademisch gesponsert). Mit einem Anteil von 23,5 % liegt Österreich über diesem Wert, aber deutlich niedriger als in vergangenen Jahren. Die durchschnittliche Summe von ca. 473 klinischen Prüfungen pro Jahr beinhaltet laufende, begonnene und beendete klinische Prüfungen. Rund 5.832 Patienten haben jährlich in klinischen Prüfungen in Österreich teilgenommen.

Forschungsstandort Österreich

Bei der vergleichenden Bewertung von Forschungs- und Innovationsleistungen der EU-Mitgliedstaaten belegte Österreich laut Pharmig 2018 Rang neun. Im „European Innovation Scoreboard“, das jährlich von der Europä­ischen Union veröffentlicht wird, wird Österreich wieder als „Strong Innovator“ eingestuft. Im Vergleich zu 2011 bedeutet das eine deutliche Verbesserung im Ausmaß von +11,5 %. Den Anteil an Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Prozent ausgedrückt bezeichnet man als Forschungsquote. Diese lag 2018 mit 3,17 % über dem europäischen Zielwert von 3 % und wuchs in den zehn Jahren davor kontinuierlich (2008: 2,57 %). Für 2019 verzeichnete die Statistik Austria eine Forschungsquote von 3,19 %, was einer leichten Steigerung entspricht.

Den größten Anteil der gesamten Forschungsausgaben (in der Höhe von 12,8 Milliarden Euro) mit 49 % tragen die Unternehmen; 33,9 % wurden vom öffentlichen Sektor getragen und 15,6 % vom Ausland. Speziell die heimische pharmazeutische Industrie in Österreich trägt hier mit Forschungsaufträgen zur Wertschöpfung bei. „Im Life-Science-Bereich besitzt Österreich neben sehr guten Universitäten weitere hervorragende und international anerkannte Forschungsinstitute wie das Research Institute of Molecular Pathology (IMP), das Institute of Molecular Biotechnology (IMBA) oder das Research Center for Molecular Medicine (CeMM)“, heißt es im Daten-&-Fakten-Bericht 2020 der Pharmig. „Seit 2008 gibt es in Graz das europaweit erste Research Center Pharmaceutical Engineering (RCPE), um die Produkt- und Prozessentwicklung im Pharmabereich zu optimieren. Österreich ist auch Sitz der europäischen Biobanken-Forschungsinfrastruktur, die zum Ziel hat, existierende und neu zu schaffende Biobanken in Europa zu vernetzen und somit den Zugang zu biologischen Proben für die Forschung zu verbessern. 2014 hat das Biobanking and Biomolecular Resources Research Infrastructure – European Research Infrastructure Consortium (BBMRI-ERIC), ebenfalls mit Sitz in Graz, seinen Betrieb aufgenommen.“

Eine für den Produktionsstandort Österreich wichtige Entscheidung fiel im Juli dieses Jahres. Sandoz, Betreiber der Produktionsstätte für Penicillin, dem Antibiotikum schlechthin, im Tiroler Kundl, hatte darüber nachgedacht, die Herstellung in kostengünstigere Märkte zu verlagern. Im Juli entschied man sich dafür, die Produktion in Österreich zu belassen und in den nächsten fünf Jahren 150 Millionen Euro zu investieren. Die Bundesregierung und das Land Tirol steuern weitere 50 Millionen Euro bei. Tirol wird weiterhin den Penicillin-Bedarf Europas sicherstellen.

Vielversprechende Forschungsprojekte

2020 stand und steht auch weiterhin im Zeichen von Corona, doch auch abgesehen von der Pandemie und den damit verbundenen intensiven Forschungstätigkeiten waren österreichische Pharmaforscher sehr aktiv. Die forschende pharmazeutische Industrie bringt Innovationen nach Österreich und trägt über Forschungsaufträge von jährlich insgesamt 144,2 Millionen Euro zur Wertschöpfung in Österreich bei. Dies geht aus einer bereits im März vorgestellten Studie des Instituts für Pharmaökonomische Forschung (IPF) und der Pharmig hervor.

Allein 2019 kamen laut FOPI, Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich, 31 innovative Arzneimittel in Österreich auf den Markt – darunter sind beispielsweise neun Krebsmedikamente, vier Arzneimittel für lebensbedrohliche Blutgerinnungsstörungen, drei Medikamente für seltene Erkrankungen bei Kindern, eine neuartige HIV-Therapie und ein Ebola-Impfstoff. Auch die anderen Arzneimittel zeigen höchste Innovation und bieten für vielfältige Indikationen wie Osteoporose, Migräne, Diabetes, Psoriasis, rheumatoide Arthritis, kindliche Epilepsie etc. neue Therapiemöglichkeiten. Nach Kategorien unterteilt entfallen 58 % der neuen Wirkstoffe auf small molecules, 19 % stellen monoklonale biotechnologische Antikörper, 19 % sind Biotech-Therapien und 3 % Gen-Therapien. Beispiele für die innovative Forschungsarbeit der letzten Jahre sind aus Sicht der AGES unter anderem diese exemplarischen Arzneimittel-Innovationen aus 2019:

  • Cannabidiol – das erste in Europa zugelassene Arzneimittel mit dem sekundären Cannabis-Wirkstoff; Einsatz bei schwerster kindlicher Epilepsie
  • Ebola Zaire Impfstoff – der erste in Europa zugelassener Ebola-Impfstoff, basierend auf dem gentechnisch modifiziertem Vesikular Stomatitis-Virus (Dieser Impfstoff ist damit übrigens fünf Jahre nach Ausbruch der bisher größten Ebola-Epidemie im Jahr 2014 zugelassen worden.)
  • Genetisch modifizierte autologe CD34+ hämatopoetische Stammzellen – die erste gentherapeutische Heilungsoption bei der vererbten Blutkrankheit Beta-Thalassämie (Mittelmeeranämie)
  • Ibalizumab – der erste monoklonale Antikörper gegen HIV; zur Behandlung von Erwachsenen mit einer multiresistenten HIV-1-Infektion, bei denen kein anderes antivirales Regime möglich ist
  • Larotrectinib – das erste Tumortyp-unabhängige Onkologikum (Tissue-agnostic); dabei werden nicht einzelne Tumortypen indiziert, sondern die Genmutation, die zum Krebs führt; für die gezielte Behandlung von TRK-Fusionstumoren
  • Die Marinomed Biotech AG entwickelte gemeinsam mit der Medizinischen Universität Wien das erste Medikament zur Behandlung von Autoimmungastritis. Dabei fungierte die Technologieplattform Marinosolv® als Basis für entzündungshemmende Medikamente. 11.200 Mitarbeiter, fast 300 Millionen Euro Investitionsvolumen in Forschung und Entwicklung, über 230 klinische Studien – ohne die forschende Pharmaindustrie wären all diese Innovationen undenkbar.

Spezialfall Covid-19

Die pharmazeutische Industrie trägt zum Kampf gegen die Coronapandemie bei, indem sie die Versorgung sicherstellt, Impfstoffe entwickelt, vorhandene Medikamente auf ihre Eignung erprobt, neue Arznei­mittel erforscht und Patienten und Gesundheitssysteme weltweit unterstützt. Weltweit wird an mehr
als 190 Impfstoffprojekten gegen Covid-19 geforscht, mehrere Dutzend sind in der klinischen Erprobung. Einige wenige Impfstoffkandidaten befinden sich bereits in der letzten Testphase. Forscher und pharmazeutische Unternehmen arbeiten dazu an vielen unterschiedlichen Ansätzen zur präventiven und symptomatischen Behandlung mit bereits zugelassenen wie auch neuen Therapien. Entsprechende Projekte laufen sowohl in Österreich als auch international.

Eine österreichweite Antikörperstudie erregt ebenfalls Aufmerksamkeit. Mitte November wird erneut erhoben, wie groß die Dunkelziffer bei den Coronavirus-Infektionen ist. Gleichzeitig dazu startet die erste bundesweite Antikörperstudie im Auftrag des Wissenschaftsministeriums, bei der untersucht werden soll, wie hoch der Anteil von Personen mit Antikörpern gegen Sars-CoV-2 in Österreich ist. Durchgeführt wird die Untersuchung von der Statistik Austria in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz und der Medizinischen Universität Wien. Ziel der neuen Studie sei „einmal mehr, die Datenbasis zu verbessern, damit wir wissen, wo wir uns epidemiologisch befinden“, so ÖVP-Wissenschaftsminister Dr. Heinz Faßmann in einer Aussendung.

An einer internationalen Studie hat Österreich maßgeblich Anteil. Kürzlich wurde gemeldet, dass sich die Anti-Covid-19 Hyperimmunglobulin-Therapie (CoVIg-19) der Plasma Allianz im Rahmen der Phase-3-Studie in Evaluierung befindet und eine der frühesten Behandlungsmethoden für Krankenhauspatienten werden könnte, bei denen das Risiko ernsthafter Komplikationen aufgrund von Covid-19 besteht. Der erste Patient wurde für die Phase-3-Studie registriert. Die Studie wird vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), einem Teil der National Institutes of Health (NIH) des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums, gesponsert. Einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Therapie liefert das Global Pathogen Safety Team von Takeda in Wien. Doz. Dr. Thomas R. Kreil, Leiter der Global Pathogen Safety von Takeda, ist stolz auf die Leistung seines Teams: „Das Projekt ist von globaler gesundheitspolitischer Bedeutung. Mit unserer Expertise am Takeda-Standort in Wien tragen wir maßgeblich zur Entwicklung bei. Wien bestätigt damit einmal mehr seine Rolle als Vorreiter in der Entwicklung und Produktion von Medikamenten aus humanem Plasma.“ Außerdem kooperiert Takeda mit anderen Unternehmen wie Octapharma, CSL Behring oder Biotest bei der Entwicklung eines Medikaments, das auf Immunglobulinen, einem der Fokusgebiete von Takeda, basiert. Dafür wird Spenderplasma benötigt, das aus den von Takeda betriebenen Plasmazentren stammt.

Impfstoffe aus Österreich

Themis Bioscience forscht an einem eigenen Impfstoff gegen Sars-CoV-2. „Wir verwenden den – auch als Kinderimpfstoff bekannten – Masernvirusimpfstoff als Trägermedium (Vektor)“, berichtet CEO Dr. Erich Tauber. Erfunden wurde diese Technologie vom französischen Institut Pasteur, das diese an Themis lizenziert hat und nach wie vor Forschungskooperationen mit Themis unterhält. Derzeit arbeitet Themis gemeinsam mit dem amerikanischen Konzern MSD, dem Themis seit Kurzem angehört, mit Hochdruck an der Vorbereitung von Phase-3-Studien.

Die Firma Valneva, in der vor einigen Jahren die österreichische Firma Intercell aufgegangen ist, arbeitet derzeit an einem inaktivierten Ganzvirusimpfstoff gegen Covid-19, der Ende 2020 in die Phase 1 gehen soll. „Am Wiener Standort werden vor allem die klinische Entwicklung des Covid-19-Impfstoffkandidaten geplant und gesteuert sowie wichtige Prozesse des Qualitätsmanagements durchgeführt“, erläutert CEO DI Dr. Thomas Lingelbach. Bei dem Projekt wird ein vorhandener Impfstoff – entwickelt zum Schutz vor der Japanischen Enzephalitis – gegen Corona „scharfgemacht“.

Wirkstoffe im Kampf gegen Covid-19

Gemeinsam ist vielen Projekten rund um Sars-CoV-2, dass sie auf Forschungsplattformen oder Therapieansätzen aufbauen, an denen schon lange gearbeitet wird. So konnten Austro-Biotechs wie Apeiron oder Apeptico Medikamente, die sie gegen andere Krankheitsbilder entwickelt haben, kurzfristig im Kampf gegen Corona mobilisieren. Das von Prof. Dr. Josef  Penninger gegründete Apeiron Biologics arbeitet an einem Medikamentenkandidat namens APN01, der auf dem von Penninger entdeckten Rezeptor ACE2 basiert. Er verhindert, dass Sars-CoV-2 in die Zellen eindringt. Auch die Wiener Marinomed beteiligt sich am fieberhaften Kampf gegen Covid-19. Das Unternehmen hat aus Rotalgen eine Substanz isoliert, die gegen 200 Virenstämme wirkt, und vermarktet seine Medikamente zum Teil schon seit 2008. Derzeit wird klinisch analysiert, ob der Rotalgen-Wirkstoff gegen Coronaviren funktioniert. Der österreichische Hidden Champion Polymun ist ein ganz wichtiges Unternehmen, wenn es um die Produktion von RNA-Impfstoffen geht. Es ist nämlich eines von wenigen Unternehmen weltweit, die auf die Herstellung von sogenannten Lipid-Nanopartikeln spezialisiert sind. Diese werden auch für die Herstellung von mRNA-Impfstoffen gegen Covid-19 gebraucht. In den Labors von Polymun erfolgt ein entscheidender Produktionsschritt für den Coronaimpfstoff der deutschen BioNTech, der gemeinsam mit Pfizer entwickelt wird.
Noch ein heimisches Unternehmen lässt aufhorchen: Die Substanz Squalen gilt als wichtiger Bestandteil von Impfstoff-Wirkverstärkern und könnte künftig auch bei den Vakzinen gegen Sars-CoV-2 eine wichtige Rolle spielen. Da seine Hauptquelle die Leber von Haien ist, dürfte das laut Tierschützern Hunderttausenden Haien das Leben kosten. Grazer Forscher haben einen Weg gefunden, die Substanz, die zu großen Teilen auch in die Kosmetikindustrie geht, biosynthetisch herzustellen. Vor dem Hintergrund der Entwicklung eines weltweit verfügbaren Impfstoffes gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 steige die Nachfrage nach Squalen rasant, teilte das Austrian Centre of Industrial Biotechnology (acib) mit. Wirkverstärker wie etwa Squalen sorgen dafür, dass Impfstoffe ihre größtmögliche Wirkung entfalten, indem sie für eine bessere Wirkstoffaufnahme sorgen.

Laut FOPI geht die Zahlen der beantragten klinischen Studien in Österreich leider seit Jahren zurück. 2018 wurden für 283 klinische Prüfungen Ansuchen gestellt, 2010 waren es noch 336. Trotzdem blickt die forschende Pharmaindustrie mit großen Erwartungen in die Zukunft: Laut einer aktuellen Umfrage des deutschen Schwesterverbands vfa könnten bis Ende 2023 insgesamt 434 Forschungsprojekte für 145 Krankheiten zu einer Zulassung oder Zulassungserweiterung für ein Medikament führen. „Das zeigt das enorme Potenzial“, meint Mag. Ingo Raimon, Präsident des FOPI, „und lässt sich im Trend auch auf Österreich umlegen, selbst wenn die exakten Zahlen für Deutschland gelten. Und dazu kommt noch das Portfolio an Forschungsprojekten, das sich auf Covid-19 richtet.“ Die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES MEA) hat übrigens auch im zentralen europäischen Zulassungsprozess eine besonders große Bedeutung. Letztes Jahr erhielt sie für 15 Zulassungsverfahren den Zuschlag, die Hauptbegutachtung federführend vorzunehmen – für elf als sogenannter Rapporteur, für weitere vier als Co-Rapporteur. Damit liegt die heimische Institution im Bereich Begutachtung für zentrale Zulassungsverfahren im Vergleich aller EU-Staaten unter den Top Ten der europäischen Zulassungsbehörden. Bei den Scientific-Advice-Verfahren belegt Österreich sogar den zweiten Platz im EU-Ranking.
Weltweit sind über 7.000 Arzneimittel in Entwicklung, von 10.000 neu entdeckten Substanzen schaffen es nur ein bis zwei zur Marktreife. Die Pharmaforschung muss lange, schwierige Wege gehen, bis neue Medikamente dazu bereit sind, die Lebensqualität von kranken Menschen zu verbessern. Österreichische Beiträge fristen absolut kein Mauerblümchendasein, sondern stellen wichtige, beeindruckende Beiträge dar. bw

Zahlen und Daten zu den Leistungen der österreichischen Pharmaindustrie

Rund 150 Pharmaunternehmen in Österreich • Ca. 18.000 direkte Mitarbeiter • 1,94 Euro werden mit 1,00 Pharma-Euro erwirtschaftet. • Ca. 63.000 indirekte Mitarbeiter (inklusive Beschäftigte in Zulieferfirmen etc.) • 189 innovative Arzneimittel wurden im Zeitraum von 2012 bis 2017 in Österreich auf den Markt gebracht. Allein 2017 waren es 28. • Knapp 500 klinische Prüfungen laufen jährlich in Österreich, ca. 200 davon in der Onkologie. • 2,2 Mrd. Euro investierten pharmazeutische Unternehmen in den letzten 5 Jahren in den Standort Österreich. • 4,8 Mrd. Euro direkte Wertschöpfung; 9,6 Mrd. Euro indirekte Wertschöpfung (2,8 % des BIP) • Über 5.000 Patienten, die an Studien teilnehmen, haben frühesten Zugang zu innovativen Arzneimitteln. • 350 Mio. Euro leistete die Pharmawirtschaft seit 2008 an Solidarbeiträgen an die Krankenkassen. • Jedes 5. Pharma-Unternehmen in Österreich ist in der Produktion tätig, das sind 14.000 Arbeitsplätze, 7.000 davon sind direkt der Produktion zuzuordnen.

Pharma-Unternehmensstruktur:
15 % Großunternehmen (> 200 Mitarbeiter)
24 % Mittelbetriebe (51 – 200 Mitarbeiter)
61 % Kleinunternehmen (0 – 50 Mitarbeiter)

Quelle: PHARMIG, pharmastandort.at

Nobelpreis 2020: Chemie

Emmanuelle Charpentier / Jennifer A. Doudna

Medizinisch interessant ist auch der diesjährige Nobelpreis für Chemie. Er geht an Emmanuelle Charpentier aus Frankreich und Jennifer A. Doudna aus den USA für die Entwicklung von Methoden zur Erbgutveränderung. Sie haben die Genschere Crispr-Cas9 entwickelt. Mit ihr können Forscher die DNA von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen mit höchster Präzision verändern. Diese Technologie hat einen revolutionären Einfluss auf die Biowissenschaften und trägt zu neuen Krebstherapien bei. Seit 2018 ist Charpentier Leiterin der „Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene“ in Berlin, von 2002 bis 2009 war sie an den Max F. Perutz Laboratories in Wien tätig, wo sie auch habilitierte. Jennifer A. Doudna ist Professorin an der University of California in Berkeley, USA.

Nobelpreis 2020: Physiologie oder Medizin

Der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin geht dieses Jahr jeweils zu gleichen Teilen an Harvey J. Alter, Michael Houghton und Charles M. Rice für die Identifikation des Hepatitis-C-Virus. Hepatitis ist mit erheblicher Morbidität und Mortalität verbunden und verursacht weltweit mehr als eine Million Todesfälle pro Jahr. Die Weltgesundheitsorganisation WHO vermeldet alleine für Hepatitis C eine erschreckende Zahl von weltweit rund 70 Millionen Fällen pro Jahr. 400.000 Betroffene sterben daran. Hepatitis C gilt als eine der häufigsten Ursachen für Leberkrebs, -zirrhose und -transplantationen. Schon die Entdeckung der Hepatitis-A- und Hepatitis-B-Viren in den 1940er-Jahren war ein entscheidender Schritt gewesen, um die Ursache für Hepatitis-Erkrankungen nach Bluttransfusionen zu eruieren. Doch die Mehrheit der durch Blut übertragenen Hepatitis-Fälle blieb ungeklärt. Rasch wurde klar, dass es eine weitere Ursache geben müsse.

Harvey J. Alter

Harvey J. Alter, Forscher an den amerikanischen National Institutes of Health in Bethesda, Maryland, und sein Team zeigten, dass mit dem Blut dieser ungeklärten Hepatitisfälle die Krankheit auf Schimpansen übertragen wurde und der unbekannte Infektionserreger hatte die Eigenschaften eines Virus. Die methodischen Untersuchungen von Alter hatten auf diese Weise eine neue, eigenständige Form der chronischen Virushepatitis definiert. Die mysteriöse Krankheit wurde als „Non-A, Non-B“-Hepatitis bekannt. Die Identifizierung des neuartigen Virus hatte nun hohe Priorität. Alle traditionellen Techniken zur Virusjagd wurden angewandt, dennoch entzog sich das Virus über ein Jahrzehnt lang der Isolierung.

Michael Houghton

Der Biochemiker Michael Houghton, tätig für die University of Alberta, Edmonton, Kanada, der zu jener Zeit für das Pharmaunternehmen Chiron arbeitete, widmete seine Arbeit der Isolierung der genetischen Sequenz des Virus. Houghton und seine Mitarbeiter erstellten eine Sammlung von DNA-Fragmenten aus Nukleinsäuren, die im Blut eines infizierten Schimpansen gefunden wurden. In der Annahme, dass im Blut von Hepatitis-Patienten Antikörper gegen das Virus vorhanden sein würden, verwendeten die Forscher Patientenseren, um geklonte virale DNA-Fragmente zu identifizieren, die virale Proteine kodieren. Nach einer umfassenden Suche wurde ein positiver Klon gefunden. Weitere Arbeiten zeigten, dass dieser Klon von einem neuartigen RNA-Virus aus der Familie der Flaviviren stammte. Er wurde als Hepatitis-C-Virus bezeichnet. Antikörper bei chronischen Hepatitis-Patienten legten nahe, dass dieses Virus der gesuchte Erreger war.

Charles M. Rice

Der amerikanische Virologe Charles M. Rice, Wissenschaftler an der Washington University in St. Louis und heute an der Rockefeller University in New York, war es schließlich, der den Nachweis erbrachte, dass das Virus in der Lage ist, sich zu vermehren und Hepatitis auszulösen. Rice und sein Team entdeckten eine bisher nicht charakterisierte Region am Ende des Hepatitis-C-Virus-Genoms, von der sie vermuteten, dass sie für die Virusvermehrung wichtig sein könnte. Rice beobachtete auch genetische Variationen in isolierten Virusproben und stellte die Hypothese auf, dass einige von ihnen die Virusvermehrung behindern könnten. Durch Gentechnik erzeugte er eine RNA-Variante des Hepatitis-C-Virus, die die neu definierte Region des Virusgenoms einschloss und frei von den inaktivierenden genetischen Variationen war. Als diese RNA in die Leber von Schimpansen injiziert wurde, wurde das Virus im Blut nachgewiesen und pathologische Veränderungen wurden beobachtet, die denen ähneln, die bei Menschen mit dieser chronischen Krankheit festgestellt werden. Dies war der endgültige Beweis dafür, dass das Hepatitis-C-Virus allein die unerklärlichen Fälle von transfusionsvermittelter Hepatitis verursachen kann.
Die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus ermöglichte die Entwicklung hochempfindlicher Bluttests und neuer Medikamente, die Millionen von Menschenleben retten. Zum ersten Mal in der Geschichte kann die Krankheit nun geheilt werden, was Hoffnungen weckt, das Hepatitis-C-Virus aus der Weltbevölkerung auszurotten.


Fachärztin/-arzt für Medizinische und Chemische Labordiagnostik

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