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OPERATION FRAU: Mehr Frauen in der Medizin, aber nicht in der Chirurgie

Nein, das hat sie nicht unbedingt, meinen vier Chirurgen – drei Frauen und ein Mann. Und eigentlich ist es die Frage selbst, mit der Probleme gerade durch die Thematisierung kreiert werden.


Foto: istockphoto/Georgiy Datsenko

Mehr Frauen in der Medizin

Dass die Medizin zunehmend weiblich wird, sei ein guter Trend, sagt Univ.-Prof. Dr. Albert Tuchmann, FACS, Facharzt für Chirurgie und Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie, weil jede Form der Diversität positiv sei. „Wir haben aktuell ein Zeitalter der Integration und das ist gut so. Je durchmischter der Arztberuf ist, desto besser, denn das bedeutet mehr Vielfalt an fachlichen und menschlichen Qualitäten“, sagt Tuchmann. Auch in der Chirurgie-Ausbildung gäbe es heute deutlich mehr Frauen als früher.

„In zehn Jahren machen wir uns vielleicht keine Gedanken mehr darüber, wie wenig Frauen die Chirurgie als ihr Fach wählen“, hofft der Chirurg. Umgekehrt gebe es ja auch traditionelle Frauenberufe wie die Pflege oder Hebammen, in die nun die Männer vordringen.

Davon ist auch Dr. Beate Stocker, niedergelassene Chirurgin und Leiterin der Mamma-Ambulanz im Wiener Wilhelminen Spital, überzeugt. Vor 30 Jahren war die Chirurgie noch durchwegs männerdominiert, Frauen eine Rarität. „Doch durch die Tatsache, dass rund 70 % der Medizinabsolventen weiblich sind, wird sich dieses Verhältnis auch in der Chirurgie zwangsläufig verschieben. Es ist also nur mehr eine Frage der Zeit, bis auch dieses Fach zumindest paritätisch besetzt ist.“

In Deutschland erfolge die Zulassung zum Medizinstudium mehrheitlich anhand des Numerus clausus, erzählt Univ.-Prof. Dr. Christine Radtke, MBA, FEBOPRAS, Leiterin der Abteilung für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie an der MedUni Wien. Dass mittlerweile teils mehr Frauen als Männer an einigen Universitäten Medizin studieren, kann auf das Auswahlverfahren zurückgeführt werden. „Der erforderliche Notendurchschnitt beim Abitur liegt bei 1,0 und ein Teil der jungen Frauen sind in der Schulzeit fleißiger und haben bessere Noten als gleichaltrige junge Männer. Das führt so zu dem ausgeglichenem Geschlechterverhältnis bei den Studienbeginnern. Es ist nicht wichtig, wie viele Frauen und Männer welches medizinische Fachgebiet wählen. Es ist wesentlich wichtiger, ein individuelles Ziel zu definieren und diesen Weg zu gehen“, ergänzt Radtke.

Auch Univ.-Prof. Dr. Freyja-Maria Smolle-Juettner, Leiterin der Klinischen Abteilung für Thorax- und hyperbare Chirurgie am Universitätsklinikum Graz, ist der Ansicht, dass die moderne Gesellschaft für beide Geschlechter die gleichen Ausbildungschancen hervorgebracht habe. „Ich stelle Studierenden oft die Frage nach dem Warum der Studienwahl. Obwohl die Antworten meist ähnlich sind, stellen die jungen Frauen im Vergleich häufiger den sozialen Kontext des sinnerfüllten Tuns des Helfens und den ‚krisensicheren Beruf‘ in den Vordergrund.“

Familienfreundlichkeit versus Leistungsdenken

„Die Chirurgie könnte familienfreundlicher sein, wenn das Management darauf Rücksicht nehmen würde“, ist Tuchmann überzeugt. „Außerdem gibt es so viele Spezialisierungen in der Chirurgie, dass es ein Leichtes ist, sich auf einzelne Themen wie zum Beispiel Hernien oder Varizen zu fokussieren.“ Ob die Arbeitszeit als Chirurgin einteilbar sei, hänge von der Art der Berufsausübung ab, ob es sich nun um Akutmedizin, Schwerstchirurgie oder planbare Chirurgie handle.

Auch Radtke ist der Ansicht, dass die Chirurgie ein Fach sei, in dem Planungen schwierig sind. Doch auch die Chirurgin möchte die breitgefächerten Teilbereiche des Faches nicht über einen Kamm scheren: „Bei der Chirurgie muss man differenzieren. Die Planbarkeit des Tagesablaufs ist relativ schwierig, daher braucht es für Familie und Kinder jede Menge Organisation, denn nicht die Familie ist das Problem, sondern die Anforderungen des Faches. Familie kann man organisieren.“ Während die Unfallchirurgie bzw. akute Notfälle in dieser Hinsicht durchaus Herausforderungen darstellen, seien etwa OPs in der Dermatologie gut planbar. „An den Strukturen der Chirurgie kann man nicht rütteln, ber an der Gleichberechtigung in der Familie, an der Frage, inwieweit die Familie die chirurgische Arbeit unterstützt, daran kann gearbeitet werden“, so Radtke.

Freilich, Frauen, die Familie und vor allem ein Familienleben haben möchten, hätten es schwer in der Chirurgie, aber „manche Frauen üben ihr Fach wie Männer aus und haben keine Familie oder nehmen weniger Rücksicht darauf“, ergänzt Tuchmann. „Diese Frauen stellen auch ihre Person – Leistungsunterschiede gibt es definitiv keine. Wer hier Unterschiede herausarbeiten möchte, der erinnert mich eher an finstere NSZeiten, als betont wurde, dass Männer mehr leisten als Frauen. Diese Sicht ist von gestern!“ Dass das Thema Frauen in der Chirurgie überhaupt eines ist, sei alles andere als zeitgemäß, betont Tuchmann.
Wegleugnen lassen sich Schwierigkeiten mit der Familienplanung und -versorgung aber nicht. „Tatsache ist, wenn man in seinem Beruf wirklich gut werden will, muss man mehr als die vorgeschriebene Arbeitszeit investieren“, sagt Stocker. Auch Schwangerschaft und Karenz seien ein großes Thema. „Durch die Unterbrechungen während der Ausbildung sinkt die Lernkurve. Nach 18 Monaten Karenz beginnen die Ärztinnen zwar nicht bei null, aber der Abstand zu den männlichen Kollegen ist größer geworden und schwer aufzuholen. Oft werden dann die angehenden Chirurginnen in der Ambulanz oder im Stationsdienst eingesetzt, was die chirurgische Weiterentwicklung nicht unbedingt fördert und zudem manchmal frustrierend ist.“ Dabei könnten sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede gut ergänzen. Während Männer oft entscheidungs- und risikofreudiger seien, agieren Chirurginnen häufig zurückhaltender, überlegter und schätzen ihr eigenes Können manchmal realistischer ein, ist Stocker sicher. Smolle-Juettner ist überzeugt, dass für die Wahl des Fachs nach dem Studium für Männer und Frauen differenzierte Überlegungen zum Tragen kommen. „Junge Menschen planen heute viel weiter in die Zukunft, als das früher zu beobachten war. Für Frauen ist dabei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nach wie vor ein größeres Thema als für Männer. In diesem Zusammenhang wird auch die Tatsache, dass viele chirurgische Fächer nach der Ausbildung nur bedingt ‚ordinationstauglich‘ sind, woraus eine lebenslange Bindung an Krankenanstalten resultiert, als problematisch empfunden.“ Persönliche Erfahrungen Prof. Radtke appelliert an Chirurginnen in Ausbildung, sich von ihren Zielen nicht abschrecken zu lassen. „Es gibt einen Weg, Chirurgie ist auch für Frauen machbar. Niemand sollte sich einschüchtern lassen“, mahnt Radtke. Wichtig seien Mentoren und Vorbilder, die Ratschläge geben und unterstützen, außerdem ein genauer Plan, wie man ans Ziel kommt. „Ich selbst habe abwertende Sprüche nicht erlebt und ich denke, dass unsere Gesellschaft längst darüber hinweg ist. Es gibt mehr und mehr berufene weibliche Vorstände in der Chirurgie. Frauen haben völlig intakte Chancen und Netzwerke – die Thematisierung des Unterschieds ist das eigentliche Problem“, ist Radtke überzeugt.

In diese Kerbe schlägt auch Smolle-Juettner: „Abgesehen von halb scherzhaften, halb ernstgemeinten Bemerkungen, habe ich mich nie anders behandelt gefühlt als meine gleichaltrigen, männlichen Kollegen. Die Ausbildung war damals eher ‚ruppig‘, aber es hat uns alle gleich betroffen. Mein persönlicher Zugang war immer, wertfrei ‚Chirurg‘ zu sein und nicht ‚Chirurgin‘. Das stößt vielfach auf Unverständnis bei Genderdiskussionen, aber ich glaube, dass das Selbstverständnis in der Chirurgie bzw. Medizin nicht primär bei ‚Gender‘ angesiedelt sein darf, sondern sich auf optimale Arbeit am und für den Patienten gründet. Wer diese Arbeit leistet, wird reüssieren, unabhängig vom Geschlecht.“ Entscheidend für das Gefühl, nie ungerecht behandelt worden zu sein, waren wohl auch der Abteilungsleiter und die Kollegen, die Smolle-Juettner bei ihren vier Schwangerschaften stets unterstützt haben. „Ich bin gerne nach jeweils acht Wochen wieder arbeiten gegangen, weil ich immer Freude am Beruf hatte, die ich nach der Arbeit nach Hause getragen habe, aber auch aus Fairness meinen Kollegen und Kolleginnen gegenüber. Durch das Engagement meines Mannes – er hatte 50/50 bei Haushalt und Kindern lange vor der Regierung ‚erfunden‘ – war die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für uns beide kein Problem.“ In ihrer Abteilung sind fünf der zwölf fachärztlichen Mitarbeiter Frauen, eine davon befindet sich gerade in Elternteilzeit.

„Eines ist unentbehrlich in der Chirurgie, ganz besonders aber für Frauen: Es bedarf eines klaren Zieles und des unbändigen Willens, dieses auch zu erreichen“, so Stocker. „Es zählt Leistung, Einsatz, Teamarbeit und konstruktive Gestaltung der anfallenden Arbeit. Gerade in einem männerdominierten Fach müssen Frauen auch manchmal etwas ‚einstecken‘, doch in meiner langen Karriere als Chirurgin war ich kaum sexistischen Angriffen ausgesetzt. Auch die meisten meiner Kolleginnen haben diese Erfahrungen selten gemacht. Wenn sich Frauen klar positionieren, frühzeitig Grenzen setzen und klar kommunizieren, was sie wollen und was nicht, ist der Umgang mit ihren männlichen Kollegen meist friktionsfrei.“

Schwierige Veränderungen

Eine Veränderung der Parameter für das Fachgebiet sei kaum möglich, ist Tuchmann überzeugt. „Derzeit gibt es mehr Männer in führenden chirurgischen Positionen. Sie haben vielleicht auch Familien, aber sie kümmern sich wohl eher wenig. Es ist einfacher, lediglich Samenspender zu sein“, sagt der vehemente Verfechter des Gleichheitsprinzips. Er ist stolz darauf, dass von seinen weiblichen Schützlingen wohl keine jemals an die gläserne Decke stoßen musste. In seiner Ausbildung habe er durchaus einschlägige Sprüche von Chefärzten gehört, die keine Frauen in der Chirurgie sehen wollten, doch heute sei das kein Thema mehr. Das käme einer reinen Diskriminierung gleich. „Selbst Operieren in der Schwangerschaft lässt sich mit Vernunft und Gesetzen lösen“, ist Tuchmann sicher.

Smolle-Juettner ist überzeugt, dass nur eine Änderung des chirurgischen „Narrativs“ eine Veränderung herbeiführen könne: „Die Chirurgie hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert. War vor 40 Jahren in manchen Bereichen noch grobe Kraft nötig, sind nicht nur durch medizintechnische Entwicklungen, sondern vor allem durch die Einführung minimalinvasiver Methoden die grobphysischen Anforderungen gesunken. Was bleibt, ist die im Vergleich zu vielen anderen Fächern höhere Belastung in den Journaldiensten, wobei Arbeit zum Beispiel in einer internistischen Notaufnahme ebenso fordernd sein kann. Diese Tatsache sollte mehr in der Kommunikation verankert werden.“ Auch Stocker thematisiert die körperliche Belastung, sagt aber: „Ich weiß aus Erfahrung, dass viele Frauen die Belastbarkeit durchaus mitbringen, trotzdem lassen sich mindestens ebenso viele davon abschrecken.“

Darüber hinaus bestehe jedoch ein Grundproblem bei der Rekrutierung von Nachwuchs, das beide Geschlechter betreffe, ergänzt Smolle-Juettner: „Die Bereitschaft, sich im Beruf zu verausgaben, um die Entwicklung voranzutreiben, Grenzen zu sprengen, neue Wege zu gehen, ist bei der jungen Generation im Sinken begriffen.“ Es wird immer schwerer, offene Stellen zu besetzen. Für eine Änderung dieses Problems, das alle Berufssparten trifft, bräuchte es allerdings eine grundsätzliche Änderung im Bildungsbereich, beginnend mit den Pflichtschulen. Ähnlich sieht das auch Stocker, die sowohl bei Frauen als auch Männern einen neuen Fokus auf Work-Life- Balance beobachtet. „Die Arbeit hat nicht mehr die absolute Priorität, für die alles andere zurückgestellt wird. Familie, Partner, Hobbys, Sport haben eine viel wichtigere Stellung im Leben junger Ärzte und Ärztinnen eingenommen.“

Die Chirurgie gilt als familienunfreundlich, zeitintensiv und schlecht planbar und sie erfordert eine besondere persönliche Organisationsbereitschaft, aber sie ist weder besonders gut noch besonders schlecht für Frauen geeignet. Lange Arbeitstage, besonders anstrengende Dienste und wenig Freizeit gibt es auch in anderen Fachrichtungen, aber wann akute Fälle auf dem OP-Tisch landen, lässt sich eben nicht so einfach planen. Die Chirurgie erfordert tatsächlich körperliche und mentale Fitness, Entscheidungsstärke, Teamfähigkeit, Fingerfertigkeit, Belastbarkeit und vieles mehr – aber all diese Eigenschaften braucht es auch für andere medizinische Fachgebiete. Frauen in der Chirurgie müssen heute eine Selbstverständlichkeit sein – eine Frauenproblematik zu thematisieren, schafft ein Thema, wo eigentlich keines ist. bw


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