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Krisen bewältigen

Wie Psychotherapie helfen kann, Krisen zu bewältigen, und was ärztliche Psychotherapieforschung leisten kann.


istockphoto/CentralITAlliance

AUTORIN:
Prof. Dr. Henriette Löffler-Stastka
Stv. Curriculumdirektorin
Universitätslehrgänge, Postgraduelle Programme, Klinik für Psychoanalyse und Psycho-therapie, Medizinische Universität Wien,
henriette.loeffler-stastka(at)meduniwien.ac.at

Was macht Sie als guten Arzt oder gute Ärztin aus? Sie verstehen komplexe Zusammenhänge, haben ein lang erworbenes Erfahrungswissen, erkennen psychosomatische und somatopsychische Wechselwirkungen, sind Ausbildungsverantwortliche oder Mentor für jüngere Kollegen und überblicken Belastungssituationen so, dass Sie Überforderungssituationen verantwortungsbewusst begegnen können. Diese hochwertigen Güter gut und evidenzbasiert zu beforschen, abzubilden und zu diskutieren, ist Aufgabe der Psychotherapieforschung. Entlang etablierter Guidelines fallbasierte Beobachtungsforschung zur Hypothesengenerierung und dann Testung voranzubringen, ist ein wesentlicher Teil und auch gesellschaftlich relevant.

Sars-CoV-2 Pandemie und psychische Gesundheit

Im Allgemeinen gehen Veränderungen, Ungewissheit und Krisenzeiten mit Anpassungs- und Stressreaktionen einher, besonders wenn sich der Rückgriff auf gewohnte Handlungsmuster oder Strategien zur Bewältigung dieser neuartigen Probleme als nicht funktional erweist, und die Situation als unkontrollierbar erlebt wird. Dies betrifft sowohl Krisen auf individueller wie auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Das neuartige Sars-Cov-2-Virus hat eine globale Krise hervorgerufen, deren Langzeitfolgen derzeit noch nicht abzuschätzen sind. Die Pandemie hat auch in Österreich zum Teil drastische Maßnahmen zur Verringerung der Ausbreitungsrate notwendig gemacht. Neben dem Nutzen dieser Maßnahmen, wie dem Schutz besonders gefährdeter Personengruppen und der Schonung des Gesundheitssystems, gingen die Einschränkungen jedoch auch mit einer Kumulierung bekannter psychosozialer Risikofaktoren einher.
Zunächst bestand die Angst vor einer möglichen Ansteckung mit dem Virus sowie die Sorge um nahe Angehörige. Die über Wochen andauernden Einschränkungen wie die vorübergehende Schließung von Betrieben waren mit sozioökonomischen Zukunftsängsten verbunden, ebenso haben Social Distancing und fehlende persönliche Kontakte zu erhöhtem Stress und zu psychischen Leidenszuständen beigetragen. Familien waren durch die neuartige Alltagsbewältigung und dem Abhandenkommen einer gewohnten Alltagsroutine mit besonderen Herausforderungen konfrontiert, da Systeme, die Ausgleich, Abstand oder Unterstützung bieten, weitgehend nicht verfügbar waren. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Covid-19-Pandemie auf individueller und familiärer Ebene mit kritischen Lebensereignissen einherging und sich die damit verbundenen Maßnahmen wie ein „Brennglas“ auf bestehende Problematiken ausgewirkt haben.

Schwierige Lebensphasen und Resilienz

Besonders aus der Erforschung von Stress, Risikoexposition und Trauma im Kindesalter ist bekannt, dass ein großer Teil der Betroffenen negative Erfahrungen relativ gut überwinden kann und zum Teil auch gestärkt aus Risikosituationen hervorgeht. Das Phänomen der positiven Anpassung sowie der Erhalt oder die Wiedererlangung von psychischer Gesundheit nach der Konfrontation mit nachteiligen Lebensbedingungen wird als Resilienz bezeichnet. Vor etwa 40 Jahren begannen Forscher, die sich vor allem mit den Langzeitfolgen von Risikofaktoren während der Kindheit auseinandersetzten, ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr auf positive Entwicklungsverläufe trotz adverser Lebensbedingungen zu lenken.

Mittlerweile ist bekannt, dass Faktoren, welche die Resilienz stärken, üblicherweise keiner besonderen Aufwände bedürfen, sondern sich auch im Kontext der Ressourcenknappheit finden oder etablieren lassen. Beispielsweise sind emotional positiv besetzte und stabile Beziehungen sowie die Verfügbarkeit eines unterstützenden sozialen Netzes gut erforschte Schutzfaktoren. Die Wirkung dieses Phänomens ist demnach auch nicht auf die individuelle Ebene begrenzt, auch Familien oder größere soziale Systeme können sich als resilient erweisen.

Wenn die Bewältigung aktueller und vergangener Belastungen nicht gelingt und sich klinisch relevante emotionale Leidenszustände manifestieren, ist professionelle Hilfe in Form einer Psychotherapie indiziert. Hier können erforderliche Veränderungsprozesse in Gang gesetzt, verfügbare Ressourcen (re-)aktiviert und die persönliche Weiterentwicklung der Patienten unterstützt werden. Zudem sollen das individuelle Erleben von Resilienz und das Vertrauen in eigene Entwicklungspotenziale bei der Bewältigung schwieriger Lebensphasen gestärkt werden.

Psychotherapie wirkt

Diese Heilbehandlung ermöglicht Veränderungsprozesse im Erleben und Verhalten von Menschen jeden Alters und hat sich deshalb sowohl bei psychischen Krankheitsbildern wie auch in der multimodalen Behandlung somatischer Erkrankungen in den Bereichen der Prävention, Therapie und Rehabilitation gut etabliert. Somit ist das Angebot qualitativ hochwertiger Psychotherapie im Sinne einer ganzheitlichen und nachhaltigen Patientenversorgung von besonderer Relevanz für das österreichische Gesundheitssystem.
Psychotherapie ist als eine prozesshafte Interaktion zu verstehen, die zum Ziel hat, verschiedenartige emotionale Leidenszustände zu bearbeiten. Sie dient der Linderung psychopathologischer Symptome und trägt zum Erhalt oder zur Wiederherstellung der Gesundheit und Lebensqualität bei.
Psychotherapeutische Behandlungskonzepte und Methoden sollen Patienten unter anderem bei der Veränderung von Verhaltensproblemen und dysfunktionalen Denkmustern unterstützen. Wichtiges Kernelement dabei ist eine tragfähige und vertrauensvolle interaktive Beziehung zwischen Psychotherapeuten und Patienten.

Psychotherapieforschung – eine junge Wissenschaftsdisziplin

Die Erforschung der Wirkungsweise von Psychotherapie in all ihren Anwendungsgebieten leistet einen wichtigen Beitrag zur stetigen Weiterentwicklung der Disziplin und zur wissenschaftlichen Fundierung psychotherapeutischer Behandlungskonzepte. Neben der Outcome-Forschung hat die Covid-19-Pandemie im Speziellen aufgezeigt, dass auch der Bereich der Versorgungsforschung eine hohe Praxisrelevanz aufweist. Im Oktober 2020 startet der Universitätslehrgang „Psychotherapieforschung“ an der Medizinischen Universität Wien in eine neue Runde. Dieses berufsbegleitende akademische Vertiefungsstudium zielt darauf ab, die exzellente Weiterbildung von Psychotherapeuten im klinischen Alltag zu gewährleisten.

Literatur beim Verfasser


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