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Hat die Öffentlichkeit die Experten satt?

Wissenschaftliche Expertise hat während der Corona-Pandemie einen großen Hype erlebt – in den Medien, in den Handlungen und Argumenten vieler politischer Verantwortungsträger.


Prof. Dr. Giulio Superti-Furga, Leiter des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Europäischen

Prof. Dr. Giulio Superti-Furga, Leiter des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Europäischen Forschungsrats. Foto: ZVG

Im Rahmen des PREMIUM TALK, des Diskussionsformats des Verbandes der Leitenden Krankenhausärzte Österreichs (VLKÖ), diskutiert Prim. Univ.-Prof. Dr. Matthias Rab, Vorstand der Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie, Klinikum Klagenfurt am Wörthersee, Mitglied der FEBOPRAS, ÖGPÄRC und Vorstand des VLKÖ, mit Prof. Dr. Giulio Superti-Furga. Der Molekularbiologe ist Leiter des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Europäischen Forschungsrats.

? Wie haben Sie bis jetzt die Krise beruflich überstanden?
Superti-Furga: Wir haben als Forschungsbetrieb rasch erkannt, dass wir nicht so einfach alles runterfahren können. Wir machen viele Analysen, bei denen der Patientenbetrieb erforderlich ist, das hat genauso gelitten wie manche anderen großen Forschungsprojekte. Gleichzeitig hat man das Gefühl bekommen, dass Krebs oder entzündliche Erkrankungen plötzlich keine Herausforderung mehr sind. Herausragende Wissenschaftler haben plötzlich begonnen, an ihrer Arbeit zu zweifeln, bloß weil sich der Fokus der Öffentlichkeit verschoben hat. Viele „wechselten“ auch plötzlich in die Epidemiologie oder Virologie – ich war ehrlich gesagt entsetzt zu sehen, wie schnell man meint, in einer Krise seine Profession wechseln zu können.

? Sie sind Mitglied des European Research Council. Braucht es in der Forschung mehr Zusammen­arbeit in Europa?
Das European Research Council ist einmalig, weil es der Grundlagenforschung oder der sogenannten Blue-Skies-Forschung gewidmet ist. Das heißt, wir forschen in Bereichen, die abseits von Modetrends passieren, daher fühlen wir uns für ein Thema wie Covid-19 auch nicht in erster Linie zuständig. Dennoch muss man klar sagen: Europa war bisher nicht sehr erfolgreich, eine koordinierte Covidforschung zu organisieren, denken Sie zum Beispiel an das Tracking, Tracing oder die Zusammenführung von Daten. Wir wissen doch, dass ein Virus keine Grenzen kennt, daher wäre es wichtig, grenzüberschreitend zu denken und zu handeln.
Die Krise hat für mich gezeigt, dass in der medizinischen Forschung viel mehr auf europäischer Ebene passieren muss. Aber selbst in einem Land wie Österreich haben wir gesehen, welche mittelalterlichen Instinkte in der Krise aufbrachen: die Zugbrücken wurden raufgerollt, alle sollen draußen bleiben.

? Sehen Sie die Krise als Chance?
Ja, das mag für viele Menschen zynisch klingen, aber jede Art von Krise in einer derartigen Dimension stellt eine große Chance dar, weil wir alles in Frage stellen müssen und können. Es gab seit Jahrzehnten keine solche Gelegenheit. Es zählt nicht mehr, dass wir in Sachen Forschung die besten in einem kleinen Land sind, sondern in einem großen Kontext besser werden müssen.
?Ist der Dialog der Gesellschaft mit Wissenschaft, Forschung und Politik intensiver geworden?
Das Virus hat an den medizinischen Forschungsbudgets nichts verändert. Ich bin verwundert, denn würde ein Land von Panzern überfahren, würden wir sofort viel Geld in Rüstung stecken. Ich vermisse auch die Kopplung der Gefahr mit möglichen Konsequenzen, wie wir künftig mit Pandemien umgehen werden. Es kommen sicher noch andere Bedrohungen, wie zum Beispiel resistente Bakterien. Covid-19 war medial massiv gehypt und viele Forscher haben sich zurückgehalten, denn man hat den Eindruck gewonnen, dass die Bevölkerung die vielen Experten aus allen Richtungen schon satt hat. Die Gesellschaft weiß nach wie vor nicht, wie man zu wissenschaftlichen Erkenntnissen kommt und dass auch die Meinungen in Forscherkreisen vielfältig sein können. Ich glaube nicht, dass jetzt ein Plus an Vertrauen in Medizin und Forschung entstanden ist.

? Brauchen wir mehr PR-Berater in der Forschung?

Vermutlich müssen wir verständlicher kommunizieren lernen und auch die Waffen des Populismus einsetzen. Die breite Masse hat immer noch keinen Respekt vor wissenschaftlichen Errungenschaften, ohne die unser Leben ganz anders aussehen würde, wie zum Beispiel keimfreies Wasser oder sterile Operationsumgebungen zu haben. Sehen die Menschen keine Zusammenhänge zwischen wissenschaftlichen Forschungsergebnissen und der Lebensrealität, dann haben Verschwörungstheorien breiten Raum. Wenn wir hier nicht gegensteuern, erklären, informieren, sind wir selbst schuld.

? Wenn Metaller Gehalt verhandeln, geht das durch alle Medien. Leitende Ärzte oder Wissenschaftler finden kaum Gehör mit ihren Anliegen. Brauchen wir mehr Lobbying?
Es wäre sehr wichtig zu kommunizieren, dass sich wissenschaftliche Forschung lohnt, auch wenn man heute noch nicht viel vom Output spürt oder sieht. Zum Beispiel würde sich die Investition in die Alzheimerforschung auf jeden Fall lohnen, denn in 20 Jahren wird das Thema jeden direkt oder indirekt betreffen. Auch Diabetes oder Adipositas würden durchaus mehr Aufmerksamkeit in der Prävention benötigen. Personalisierte Medizin darf kein leeres Schlagwort bleiben, sondern muss einen Bezug zur Lebensrealität der Menschen bekommen. rh


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