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Wie beeinflusst die Pandemie die klinische Forschung?

Diese Fragen stellten wir Prof. Dr. Markus Zeitlinger, Leiter der Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie, AKH Wien. Das Fazit in Kürze: Es fehlt an Geld, Probanden und Ressourcen, der Druck steigt, dennoch: Die Wissenschaft hat in den letzten Monaten ungeahnte Aufmerksamkeit erhalten.


Prof. Dr. Markus Zeitlinger. © Meduni Wien

?Was war für Sie in der Forschung im letzten Jahr die größte Herausforderung?
Als Klinik haben wir uns sehr stark an der Covid-Forschung beteiligt. Daher gab es naturgemäß Verzögerungen bei laufenden und geplanten Projekten. Auch haben einige auftraggebende Unternehmen ihre Prioritäten gewechselt und sind von anderen Themen zu Corona geswitcht. Einige Forschungsideen konnten nicht weiterverfolgt werden, weil die Forschungsgelder der öffentlichen Hand auch in Corona-Themen geflossen sind. Direkt betroffen waren Forscher, die keine Probanden für klinische Studien finden konnten, denn das Rekrutieren war in der Pandemiezeit sehr schwierig. Die Team-Logistik war und ist angespannt, denn nicht alles kann via Telekonferenz geklärt werden und die persönlichen Kontakte fehlen uns massiv. Viele Forschungsthemen entwickeln sich durch zwanglose Interaktion zwischen Forschern, zwischen Kliniken oder zwischen Unis. Im harten Lockdown waren auch Labors geschlossen, aber: Forschung kann nicht ausschließlich im Homeoffice passieren. Neue Mitarbeiter einzuschulen ist online schwierig, internationale PhD oder Post-Doc-Studenten, die im letzten Jahr ankamen, leben schon sehr isoliert und können und schwer an das Team angebunden werden.
?Wo orten Sie den größten
Druck, der auf der wissenschaftlichen Community lastet?
Was die Covid-Forschung betrifft, so ist die größte Herausforderung die Bündelung der Expertise. Vieles läuft parallel, trotz der Bemühungen von Anfang an öffentliche Datenbanken anzulegen. In der Arzneimittelforschung läuft bei uns eine sehr gut koordinierte Studie: ACOVACT, Austrian CoronaVirus Adaptive Clinical Trial (Covid-19). Doch ist die Planbarkeit schwierig, weil wir schwer vorhersagen können, wann neuerliche Wellen auftreten und ob in zwei Monaten Covid-Patienten vorhanden sein werden und wenn ja, wie viele, denn das AKH Wien ist aus guten Grund nicht Covid-Hauptversorgungsspital. Hier waren Forscher von Beginn an sozusagen auf der Jagd nach den Pandemie-Hotspots. Der hohe Druck geht davon aus, den Überblick in der Covid-Forschung zu behalten: Wir haben so oft Projekte geplant, um dann festzustellen, dass schon wer anderer daran arbeitet. Den Druck, ständig up to date zu sein, kennen wir, aber nicht in dieser Ausprägung und Schnelllebigkeit.

?Wie läuft die Arbeit mit Covid- erkrankten Probanden ab?

Die Quarantäne macht den Umgang mit den Patienten schwierig. Am Anfang war auch das Ansteckungsrisiko hoch, jetzt sind wir zumindest geimpft. Dennoch sind die Untersuchungen komplex und der Aufwand hoch, so müssen etwa banale Dinge wie Einverständniserklärungen eingeschweißt und isoliert werden. Jeder Patiententransport ist ein Seuchentransport, allein Blutdruckmessen erfordert Schutzkleidung.  

?Haben Sie die Abwanderung von Forschern in Richtung Corona-Thema erlebt?

Im Gegenteil, unser Team ist in der Corona-Zeit um 20 % gewachsen. Wir bekommen mehr Anfragen, als wir abarbeiten können. Die Hälfte unserer Arbeit beschäftigt sich mit Corona-Forschung, etwa klassische Arzneistoffe, die auch an Covid-Patienten getestet werden sollen. Aktuell arbeiten wir etwa auch an einer Studie, wie verlässlich vordere oder tiefere Nasenabstriche für bestimmte Schnelltests sind.

?Interessiert sich die Bevölkerung aus Ihrer Sicht jetzt mehr für Forschung oder Innovationen?
Momentan ja, in den Sprachschatz sind Wörter wie „Zulassungsstudie“, „Placebo“ oder „Schutzrate“ eingeflossen, die vorher bestimmt niemand gekannt hätte. Ob das allerdings nach der Pandemie so bleiben wird, ist schwer zu sagen.

?Die wissenschaftliche oder auch pseudowissenschaftliche Expertise hat während der Corona-Pandemie einen großen Hype erlebt. Hat die Politik der wissenschaftlichen Forschung den Rang abgelaufen?
Ich würde im Gegenteil sagen, die Wissenschaft hat aufgeholt. Die Politik hat sehr bewusst die Nähe zur Forschung gesucht, zur Absicherung, als Beratung, aber auch aus PR-Gründen. Am Ende muss die Politik dann aber natürlich stärker als der einzelne Forscher die Bedürfnisse von sehr unterschiedlichen Interessensgruppen berücksichtigen.

?Gibt es eine Kommunikationslücke zwischen der wissenschaftlichen Forschung und der Bevölkerung?
Dass die Kommunikation nicht optimal gelaufen ist, wissen wir alle. Eine Balance zu finden ist schwierig, denn die Meinungsfreiheit betrifft auch die Wissenschaft. Jeder Forscher kann sagen, was er für richtig hält. Und jeder hat andere Interessen. Kontroverse Aussagen schaffen Platz für Verunsicherung, hier wäre ein gemeinsames Wording sicher sinnvoll. Ich habe keine ultimative Lösung, aber ein Institut, ähnlich dem Robert-Koch-Institut, das als Referenzinstitution gilt, wäre hilfreich.

?Ist ein Plus an Vertrauen in wissenschaftliche Forschung entstanden?
Ich denke ja, aber das können wir auch schnell wieder verspielen. Information muss fair und transparent weitergegeben werden und im Kontext kommunizier werden.

?Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten drei Monaten in Bezug auf das Infektionsgeschehen und damit auf Ihre Arbeit in der Forschung?
Ohne Zweifel befinden wir uns in der dritten Welle, hier gilt es, adäquat zu reagieren. Gleichzeitig benötigen wir noch viele Impfstudien für gewisse Studienpopulationen, etwa Schwangere, Kinder, Immunsupprimmierte. Und es werden auch neue Impfstoffe kommen und neue Fragen auftreten. In Bezug auf monoklonale Antikörper könnten neue Studien auf uns zukommen, auch Mutationen sind künftig ein zentrales Thema. Kurz gesagt: Wir stellen uns forschungstechnisch nicht auf ein Ende ein.

?Sehen Sie die Krise als Chance für Forschung in Österreich?
Die Forschung hat durch Corona schon ein zentrales Standing erhalten. Wir müssen uns aber auch klar sein: Forschung kostet Geld, und das wird nach der Pandemie mehr als knapp sein. rh


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