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Prim. Univ.-Prof. Dr. Kamolz / Präsident VLKÖ & LKH Universitätsklinikum Graz: Pandemie – Was nach der Krise im Spitalsbetrieb bleibt und was sich ändert

Die Pandemie ist nicht vorüber. Dennoch wird al- lerorts über die Erkenntnisse der heimischen Spi- täler diskutiert. Denn das Ziel muss sein, aus den Fehlern der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.


Illustration: adobe stock/elenabsl

Prim. Univ-Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz, Präsident des VLKÖ und Leiter der Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie am LKH Universitätsklinikum Graz. Foto: Marija Kanizay

Wir haben zu zählen aufgehört, welche Covid-19-Welle uns bevorsteht. Wir haben mit den Besonderheiten dieser weltweit auftretenden Pandemie zu leben gelernt. Und wir wissen, wie wir sensible Infrastrukturen schützen können und müssen. Viele „Learnings“ betreffen leitende Krankenhausärzte und ihre Teams. Sie sind gefordert, wenn es darum geht, die akute Lage zu meistern und Konsequenzen für künftige ähnliche Situationen zu ziehen. Prim. Univ.-Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz ist nicht nur Präsident des Verbandes leitender Krankenhausärzte Österreichs, sondern auch Leiter der Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie am LKH Universitätsklinikum Graz. In seiner Funktion beschäftigt er sich nach wie vor tagtäglich mit den aktuellen Auswirkungen von Sars-Cov-2 – im Speziellen auf die Lage in den Spitälern.

Entspannte Lage

„Was Covid-19 anbelangt, ist die Lage derzeit halbwegs entspannt“, sagt Kamolz eingangs. „Aufgeschobene Behandlungen werden sukzessive aufgearbeitet. In einigen Bereichen macht sich der Pflegemangel allerdings bemerkbar und die Abarbeitung erfolgt nicht in der Geschwindigkeit, die wir uns wünschen würden.“ Kamolz beobachtet die Infektionszahlen täglich und studiert auch die Trendanalysen für die nächsten Tage und Wochen, die von öffentlicher Stelle publiziert werden. „Es gibt seitens der Ministerien Prognosen für alle Bundesländer, die wir in Meetings hausintern besprechen. Daraus ziehen wir die Konsequenzen für unsere Arbeitspläne“, so der VLKÖ-Präsident.
Im Fall der Steiermark hat in den letzten Jahren eine starke Vernetzung auf unterschiedlichsten Ebenen stattgefunden; es gibt beispielsweise virtuelle Koordinationstreffen aller ärztlichen Direktoren oder auch aller EBA-(Erstuntersuchung-Beobachtung-Aufnahme)-verant-wortlichen Personen. „Natürlich braucht das viel Zeit, aber die Abstimmung hat in den letzten Jahren sehr gut funktioniert“, versichert Kamolz. Notwendig waren diese virtuellen Meetings nicht zuletzt deshalb, weil jede Welle ein wenig anders gelagert war und ein unterschiedliches Vorgehen erfordert hatte. „Im Rahmen der letzten Welle gab es sehr viele positive Menschen, aber prozentuell gesehenen weniger hospitalisierte Patienten und noch weniger auf den Intensivstationen. Erschwerend war aber in dieser Phase, dass auch ein hoher Prozentsatz des Personals aufgrund von Covid in dieser Phase ausgefallen war. Das ist auch aktuell – noch – der Fall. Letztlich bringt aber jede Welle unterschiedliche Herausforderungen mit sich“, ist der erfahrene Chirurg überzeugt.

Ein funktionierendes System

Die Beobachtungen, was in anderen Ländern passiert, geben auch für heimische Spitäler mit einer gewissen Vorlaufzeit Hinweise auf das, was kommt. Doch was ist nun bisher das vielleicht wichtigste Learning aus der Pandemie? „Wir haben gelernt, dass sich unser System zu seinem eigenen Schutz und zum Schutz der Patientenversorgung relativ schnell hoch- und herunterfahren lässt. Damit können wir auf pandemische Entwicklungen rasch reagieren“, so Kamolz. „Das System muss so lange wie möglich normal funktionieren – das ist auch für die Abarbeitung von Fällen und Wartelisten nötig.“

Eine weitere Erkenntnis betrifft die öffentliche Hand: „Unser System funktioniert, wenn wir gehört werden und bei den Entscheidungen eingebunden werden. Natürlich gab und gibt es personelle Engpässe, nicht zuletzt durch den extremen Dauereinsatz, aber Personalmangel gibt es derzeit auch in anderen Berufen. Hier wird bereits gegengesteuert und wir hoffen, dass wir hier bald erste Erfolge sehen. Wir müssen aber auch so realistisch sein und sehen, dass gewisse Maßnahmen nicht morgen einen Erfolg zeigen, sondern erst mit etwas Verzögerung.“

Instrumente des gut funktionierenden Systems waren und sind jedoch nicht nur der enge Austausch mit Fachleuten und Kollegen, sondern auch eine ganze Reihe von Maßnahmen, die es zum Teil schon lange gibt, die jedoch während der Pandemie verstärkt oder neu genutzt wurden. „Zum Beispiel Telekonzile und Telemedizin kamen in der Pandemie vermehrt zum Einsatz. Aber auch die Möglichkeiten von Webinaren und Telekonferenzen waren ‚Entwicklungen‘ während der Pandemie, die den besagten Austausch unterstützt haben und heute routinemäßig eingesetzt werden bzw. nicht mehr wegzudenken sind“, sagt Kamolz. Viele neue Tools, vor allem im Bereich der Digitalisierung, benötigen eine gewisse Lernkurve, aber sie haben sich zweifelsfrei als nützlich erwiesen. „Corona hat also nicht ausschließlich negative Seiten – wir haben auch viel gelernt. Die Pandemie hat uns gezeigt, was alles in kurzer Zeit möglich ist, wenn alle dasselbe wollen und brauchen“, so der VLKÖ-Präsident.

Gemeinsam mehr Power

Für leitende Krankenhausärzte erwies sich die Pandemie als Mammutaufgabe, die einer großen Portion Management- und Kommunikations-Skills bedurfte. „Führungspersonen spielen gerade in Krisenzeiten, also in Zeiten des Wandels, eine zentrale Rolle, denn gerade in diesen Phasen gewinnt die Führung durch Personen gegenüber Führung durch Strukturen an Bedeutung; gerade in diesen Zeiten kommt aber auch der Kommunikation eine große Bedeutung zu. Es geht um Entscheidungen gegen Elektiv- und für Akutprogramme, um den Ausfall von Mitarbeitern und tagtägliche Änderungen, die unterschiedliche Reaktionen erfordern. In relativ kurzer Zeit, in nur zwei Jahren, stellte sich heraus, wie dringend nötig Führungspersönlichkeiten sind, die gerade in Krisenzeiten, wenn Strukturen umgebrochen werden, Mitarbeiter führen können. Denn immer dann, wenn Strukturen aufgeweicht werden, kommt der Führung besondere Bedeutung zu“, bricht Kamolz eine Lanze für Führungspersonen, die Mitarbeitern Orientierung geben und neue Leitstrukturen kreieren.

Viel Lob gibt es seitens des VLKÖ-Präsidenten für die leitenden Ärzte in heimischen Spitälern. Für die Zukunft würde er sich noch mehr Abstimmung und einen noch engeren Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Häusern wünschen. Denn: „Wir haben gemerkt: Es geht nur gemeinsam. Dieser Spirit sollte aufrechterhalten oder sogar ausgebaut werden, denn gemeinsam erreichen wir deutlich mehr. Gemeinsam sind wir in sichererem Fahrwasser unterwegs“, so Kamolz abschließend. bw

Lessons Learned …

… von Belastung zu Entlastung des Klinikpersonals

Schutzfaktoren:

  • Zusammenhalt
  • Interdisziplinäre Kommunikation
  • CoV-Training/Qualifizierung
  • Tätigkeitswechsel, Tandem-Teams
  • Begrenzte Arbeitszeiten
  • Gezielte, hochwertige Information
  • Psychosozialer Support etc.

Umgang mit Covid-19 alltagstauglich machen:

  • Zeitnahe, partizipative Planung der 5. Welle
  • Präsente Führungskraft, präsentes Management
  • Orientierung: z. B. heruntergebrochene Stufenpläne
  • Kontinuität: z. B. Stammteams zusammenhalten
  • Verhältnismäßige und machbare Regelwerke mit längerer Gültigkeit
  • Pausen- und Auszeitmöglichkeit ohne Arbeitsverdichtung
  • Leistungsanpassung/-reduktion in Spitzenzeiten
  • Erneuerung des Rollenverständnisses Medizin – Pflege
  • Adäquate, geschulte Personalressource
  • Mitarbeiterbindung inkl. adäquater Entlohnung der Hochleistung

Psychosoziale Entlastungsangebote:

  • Zusammenarbeit
  • Sichtbarkeit
  • Diversität und Kontinuität der Kommunikationskanäle
  • Vielfalt und Beständigkeit der Formate
  • Intervention vor Evaluation
  • Freizeit vor Entlastungsformaten
  • Wirkzeit für Entlastungsformate

Mag. Martina Amon, Koordinatorin Arbeits- und Organisationspsychologie, Oberösterreichische Gesundheitsholding, 12. Österreichischer Gesundheitswirtschaftskongress 2022

Der VLKÖ

Der VLKÖ ist die Plattform leitender Ärzte im Gesundheitswesen. Sie hat engen Kontakt zu über 1.500 Ärzten in Führungsposition und vertritt deren Anliegen und Interessen. Eines der Hauptanliegen des Verbandes ist es, gesundheitspolitische Themen voranzutreiben, um neue, dringend benötigte Lösungsansätze für Probleme, mit denen sich Primarärzte im Berufsalltag konfrontiert sehen, zu diskutieren und so auch zu Verbesserungen beizutragen.
www.leitendekrankenhausaerzte.at


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