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Nachwuchsärzte fordern mehr Teilzeitmodelle

Die aktuelle Ärztestatistik der Österreichischen Ärztekammer zeigt einmal mehr, dass dringender Handlungsbedarf im Gesundheitsbereich besteht: Die Ärzteschaft wird älter, der Nachwuchs fehlt.


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Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Foto: zvg

Derzeit hat Österreich insgesamt 47.674 Ärzte, bestehend aus 7.979 Turnusärzten, 13.138 Allgemeinmedizinern, 26.415 Fachärzten und 142 approbierten Ärzten. Der Frauenanteil liegt bei 48,5 %, besonders stark vertreten sind Allgemeinmedizinerinnen und Turnusärztinnen. Aufgrund der Tatsache, dass flexible Arbeitsmodelle, Elternteilzeit oder auch eine Kombination aus Spital und Ordination immer beliebter werden, berechnet die Österreichische Ärztekammer auf Basis von Untersuchungsergebnissen die Kopfanzahl in Vollzeitäquivalente um:
47.674 Köpfe entsprechen demnach 40.354 Vollzeitäquivalenten.

Ältere Semester dominieren

Besonders relevant für die Versorgungssicherheit ist das Alter in der Ärzteschaft. Hier zeigt sich, dass sich die Alterszusammensetzung im Laufe der Zeit deutlich verändert hat. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich vor allem der Anteil der über 55-Jährigen beträchtlich vergrößert: 32,2 % der Gesamtärzteschaft sind über 55 Jahre alt. Zwanzig Jahre zuvor lag der Anteil noch bei 17 %. Zwar waren in den 1970er-Jahren ebenfalls viele Ärzte über 50 Jahre, aber gleichzeitig war der Anteil der unter 35-Jährigen Ärzte auch deutlich höher als 2020. Dieser Wert ist in den vergangenen zwanzig Jahren beinahe konstant geblieben. Die über 55-Jährigen erreichen in den nächsten zehn Jahren das Regelpensionsalter oder werden es überschreiten. Aus den 15.362 Ärzten, die in den nächsten zehn Jahren das Pensionsalter von 65 Jahren überschreiten werden, ergibt sich ein jährlicher Nachbesetzungsbedarf von 1.536 pro Jahr, allein um eine Aufrechterhaltung des Status quo der Kopfzahl zu gewährleisten. Dabei sind die Vollzeitäquivalente noch nicht berücksichtigt, eine solche Zahl wäre erwartungsgemäß noch höher. Ebenso ist nicht abgebildet, dass etwa Frauen typischerweise sogar noch früher das Pensionsalter erreichen und der Versorgungsbedarf in der Bevölkerung aufgrund der demografischen Situation und des medizinischen Fortschritts weiter steigen wird.

Hoher Flexibilisierungsdruck

Die Altersstruktur der österreichischen Ärzteschaft zeigt das Problem, vor dem das Gesundheitssystem in Österreich steht: „Es gibt ein eklatantes Nachwuchsproblem, das man jetzt angehen muss, bevor es zu spät ist“, sagt Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. „Der Nachwuchs reicht für den errechneten Nachbesetzungsbedarf nicht aus“, warnt er und ergänzt: „Nachbarländer wie Deutschland und die Schweiz locken zudem mit attraktiven Angeboten, wenn da unsere Spitäler nicht mithalten, dann verlieren wir noch mehr junge Ärzte.“ Junge Ärzte sind gefragt wie nie, im In- und im Ausland. „Die Spitäler als Arbeitgeber stehen unter einem großen Flexibilisierungsdruck, das ist kein Vergleich zu früher, als angehende Ärzte froh über einen Arbeitsplatz waren und dafür vieles erduldet haben“, fasst Szekeres die Situation zusammen. Heute stünden etwa Teilarbeitszeitmodelle hoch im Kurs unter den jungen Kollegen.

Schon jetzt gebe es in Österreich überdurchschnittlich viele teilzeitbeschäftigte Ärzte, dieser Trend werde sich weiter fortsetzen: „Diese veränderte Situation dürfen die Spitäler nicht ignorieren, sie wird sich auch in den benötigten Köpfen widerspiegeln“, sagt Szekeres.

Was die Statistik außerdem zeigt, ist, dass der Anteil der ausschließlich angestellten Ärzte mit dem Alter sinkt. Der Flexibilisierungsdruck in den Spitälern hört also nicht bei den jungen Ärzten auf, sondern betrifft ebenso die erfahrenen, älteren Spitalsärzte. Flexible Arbeitszeitmodelle, ebenso auch die Reduktion von Nachtdiensten mit dem Alter, seien wichtige Pfeiler, um die Spitalsärzte zu halten.

Die anstehende Pensionierungswelle bedeute auch, dass damit eine unwiederbringliche Menge an Erfahrung und Know-how verloren geht: „Dieser Kampf um die Weitergabe von Wissen wird schon heute dadurch erschwert, dass der aktuelle Zeitdruck und die Arbeitsverdichtung es den ausbildenden Kollegen unnötig schwer machen, Jungmediziner umfassend und ordentlich auszubilden“, sagt Szekeres. Das noch bestehende Wissen müsse aber unbedingt für die kommenden Generationen gerettet werden. Und dabei dürfe eines nicht vergessen werden: „Die Ärzteausbildung dauert besonders lange und bedarf entsprechender Vorlaufzeiten und viel Weitblick“, sagt Szekeres.

Qualität der Ärzteausbildung

Der ÖÄK-Präsident verweist hier auf ein weiteres Problem: Die Qualität der Ärzteausbildung werde auch auf einer anderen Ebene bedroht. „Die Politik will uns Ärzten die Unabhängigkeit in Ausbildungs- und Qualitätsfragen wegnehmen, um ihre Macht zu vergrößern, und das kann dazu führen, dass die Qualität der Ärzteausbildung um Jahrzehnte zurückgeworfen wird“, sagt Szekeres. Aktuell stehe die ÖÄK mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung und ihrer Objektivität für höchstmögliche Qualitätsstandards. Wenn künftig die Frage, ob ein Spital die Bedingungen für eine qualitätsvolle Ausbildung erfüllt, von Auditoren beantwortet werden soll, die in politischen Abhängigkeiten stehen, dann darf man wohl mit Recht annehmen, dass der Bereich objektiver Entscheidungen verlassen wird.

Dringenden Handlungsbedarf gibt es auch im Kassenbereich: Etwa 50 % der Kassenärzte werden in den kommenden zehn Jahren in Pension gehen. Schon jetzt sehen wir die Auswirkungen immer deutlicher: Kassenstellen werden heute teils mehrfach erfolglos ausgeschrieben. Besonders groß werden die Lücken in der Allgemeinmedizin, in der Kinder- und Jugendheilkunde und in der Frauenheilkunde. In einigen Bezirken gibt es keine Kassen-Kinderärzte mehr und selbst die Wahlärzte nehmen hier kaum noch Patienten auf. „Auch hier muss dringend Abhilfe her – und zwar dort, wo sie hilft und nicht strukturelle Probleme übertüncht: Die Kassenstellen müssen attraktiver werden“, sagt Szekeres. Die Bürokratie müsse verringert werden und auch hier braucht es neue Arbeitszeitmodelle für die jungen Ärzte, die sich an der Lebensrealität orientieren. bw


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