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Jubiläum: 100 Jahre Erwin Ringel

Kaum ein Wissenschaftler der neueren Zeit hat so sehr aufgeregt und angeregt wie Erwin Ringel mit seinen Analysen der österreichischen Seele. 2021 wäre er 100 Jahre alt geworden. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek findet in Ringels Werk noch reichlich „Material“ für die Zukunft.


Foto: commons.wikimedia.org/Peter Gugerell

Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, Präsident des Stiftungsfonds des Erwin Ringel Instituts, Psychiater und Psychotherapeut. Foto: Felicitas Matern

Der Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe Dr. Erwin Ringel war ein leidenschaftlicher und dennoch liebevoller Kritiker von Missständen in Gesellschaft, Politik und Kultur. Drei herausragende Errungenschaften Erwin Ringels machen ihn auch heute noch zu einer Schlüsselfigur in der psychotherapeutischen und psychiatrischen Forschung, wie Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, Präsident des Stiftungsfonds des Erwin Ringel Instituts und selbst Psychiater und Psychotherapeut, bestätigt: „Da sind zum einen seine Verdienste um die Suizidprävention. Das ‚Präsuizidale Syndrom‘ und das erste Suizidverhütungszentrum Europas sind untrennbar mit dem Namen Erwin Ringel verbunden.“ Die zweite Errungenschaft Ringels war die „Psychosomatik, nachdem er 1954 die erste psychosomatische Station in Österreich aufbaute und der psychiatrischen Psychosomatik zum Durchbruch verhalf“, so Musalek. Schließlich machte sich der „Adlerianer“ um die Psychotherapie und das Psychotherapiegesetz besonders verdient.

Konstruktive Kritik

Doch auch außerhalb der Medizin war Erwin Ringel bekannt, denn er scheute den öffentlichen Diskurs nie. Öffentlichkeitswirksam nahm er zu allem Stellung, angefangen von der Psyche der Österreicher über die Opernwelt, die Politik bis hin zu Schiedsrichtern auf dem Fußballfeld. Er behauptete alle Österreicher seien Neurotiker, schrieb den Bestseller „Die österreichische Seele“ und galt als Intimfeind des verstorbenen Kärntner Landeshauptmanns Dr. Jörg Haider. „Der praktizierende Katholik und Kirchgänger Erwin Ringel war gleichzeitig Sozialist, eine schillernde Person, die sich nicht zu gut war, selbst in den politischen Diskurs einzugreifen. Trotz seiner offenen, angriffigen Art, Missstände aufzudecken und anzuprangern, hat er immer auch Interesse und Fürsorge gezeigt. Er trat für Schwächere in der Gesellschaft ein und hat für psychisch Kranke viel geleistet“, so Musalek. Die konstruktive Kritik war es, die Ringel übte, denn er wollte nicht bloß kritisieren, sondern vor allem verändern.

Erwin Ringels Erbe

Was ist es nun, was Erwin Ringel selbst heute noch für die Medizin und die Gesellschaft leisten kann? „Es ist der Diskurs, das Bemühen, Missstände zu diskutieren, Meinungen zu hören und nicht zuzulassen, dass Themen tabuisiert werden“, sagt Musalek und fährt fort: „Erwin Ringel hat sehr viel bewegt und es liegt nun an uns das weiterzuführen. Auch wenn es nicht leicht ist, mit Tabuthemen an die Öffentlichkeit zu gehen und gegen große Hemmnisse anzukämpfen, dürfen wir nicht nachlassen.“

In der Praxis geht Musalek den Weg Ringels weiter. Er ist Leiter des psychosozialen Beraterstabs des Gesundheitsministers, der sich um die Aufarbeitung der psychosozialen Folgen der Coronakrise bemüht und Lösungsstrategien entwickelt. Dabei ist Erwin Ringels Ziel, sich in den öffentlichen Diskurs einzubringen, um Veränderungen zu ermöglichen, stets präsent. „Der psychosoziale Beraterstab ist ganz im Sinne Ringels“, so Musalek. Dabei hat sich in der Zwischenzeit viel verändert, denn heute fallen in den sozialen Medien viele Hemmschwellen. „Was soziale Medien betrifft, müssen wir zu Regularien finden, denn es kann nicht sein, dass jeder anonym andere wüst beschimpfen darf. Das Denunziantentum und die negativen Kommentare haben in der angespannten Pandemiezeit noch weiter zugenommen. Die Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Dabei wäre es das Wesen einer Demokratie, zur eigenen Meinung zu stehen und sich der Diskussion zu stellen“, zeigt sich Musalek besorgt. Vor der Pandemie bestehende Störungen haben sich massiv verstärkt – das gelte auch für psychische Probleme. „Gleichzeitig bemerken wir jedoch, dass sich die Zahl der Hilfesuchenden kaum erhöht hat. Die Hemmschwelle ist nach wie vor hoch. Außerdem sind Angebote wie Gruppentherapien schwierig. Die digitalen Kommunikationsformen funktionieren als Übergang oder komplementär, aber sie ersetzen nicht das Gespräch oder eine therapeutische Beziehung. Wir werden daher die Arbeit Erwin Ringels fortsetzen und in seinem Sinne den öffentlichen Diskurs suchen, um Lösungen für Missstände zu finden“, so Musalek abschließend. bw

Kurzbio: Dr. Erwin Ringel

Dr. Erwin Ringel, geboren 1921, wäre gerne Operndirektor geworden. Er studierte jedoch – unterbrochen durch Einberufungsbefehle der Deutschen Wehrmacht – Medizin. Danach absolvierte er die Facharztausbildung für Psychiatrie und Neurologie sowie eine psychotherapeutische Ausbildung als Individualpsychologe. Mit seiner Neurosenlehre versuchte er die Schulen Adlers und Freuds zu vereinigen. Er gründete das erste Suizidverhütungszentrum Europas, beschrieb das „Präsuizidale Syndrom“ und gilt als Vorkämpfer der psychosomatischen Medizin. In den USA nannte man Erwin Ringel liebevoll „Mr. Suizid“. Er war Mitbegründer des Österreichischen Vereins für Individualpsychologie, Professor für Medizinische Psychologie und schrieb Bücher, die längst als Klassiker gelten. 1994 starb er im viel kritisierten und doch geliebten Kärnten.


Abteilungsvorstand Chirurgie (m/w)

Evangelisches Krankenhaus Wien; 1180 Wien [zur Ausschreibung]

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Facharzt für physikalische Medizin

Kurzentrum Bad Hofgastein; 5630 Bad Hofgastein [zur Ausschreibung]

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Abteilungsleiter (m/w) Viszeral Chirurgie

Evangelisches Krankenhaus Wien; 1180 Wien [zur Ausschreibung]

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Ärztliche/r Leiter/in

REDUCE GESUNDHEITSRESORT BAD TATZMANNSDORF; 7431 Bad Tatzmannsdorf [zur Ausschreibung]

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Fachärztin/Facharzt für Pneumologie/Innere Medizin

Wiener Gesundheitsverbund Klinik Hietzing; 1130 Wien [zur Ausschreibung]

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