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Geschlechtskrankheiten: Sexuell übertragbare Erkrankungen nehmen seit einigen Jahren wieder zu.

„Geschlechtskrankheiten sind wieder auf dem Vormarsch“, zu diesem Schluss kamen internationale Experten, die kürzlich in der Gesellschaft der Ärzte in Wien über moderne Epidemien referierten.


istockphoto/Visual Generation

Univ.-Prof. Dr. Beatrix Volc-Platzer, Präsidentin der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Foto: Michael Rathmayr

Univ.-Prof. Dr. Georg Stingl, emeritierter Vorstand der Klinik für Dermatologie, Medizinische Universität Wien. Foto: meduni wien

Univ.-Prof. Dr. Erwin Tschachler, Editor-Elect Journal of Investigative Dermatology. Foto: meduni wien

Univ.-Prof. Dr. Georg Stary, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für STD und dermatologische Mikrobiologie (ÖGSTD). Foto: meduni wien

Die „Gesellschaft der Ärzte in Wien“ (GDÄ) ist die älteste fächerübergreifende medizinische Gesellschaft Österreichs. Die Werke der imposanten Bibliothek reichen bis ins 16. Jahrhundert. Sie zählt aber nicht nur zu den ältesten medizinischen Fachbibliotheken im deutschsprachigen Raum, sondern gilt mit rund 70.000 Schriften bis heute als die größte private Sammlung medizinischer Literatur in Europa. „Die Bibliothek besitzt unter anderem auch Schriften von Paracelsus, wie ‚De morbo Gallico‘ aus dem Jahr 1578. Darin beschrieb der Arzt, Naturphilosoph, Alchemist und Sozialethiker die Behandlung der ‚Lustseuche‘ oder ‚Franzosenkrankheit‘ Syphilis – sie wurde nach den Feinden benannt –, die mit Tee, Sirup, oder Extrakt aus südamerikanischem heiligem Holz oder Quecksilberkuren wirkungslos behandelt wurde“, gibt Univ.-Prof. Dr. Beatrix Volc-Platzer, Präsidentin der Gesellschaft der Ärzte in Wien, Einblick. Paracelsus erkannte, dass Quecksilber zwar gegen die Geschlechtskrankheit half, die Patienten in der verabreichten hohen Dosierung aber an einer Vergiftung sterben ließ. Diese medizinhistorischen Überlieferungen, die aktuelle Relevanz von Infektionskrankheiten in epidemischem bis pandemischem Ausmaß und der 480. Todestag von Paracelsus waren für die GDÄ Anlass, ein Symposium zum Thema „Lust & Seuche. Von Paracelsus bis Anthony Fauci“ zu organisieren. Im Rahmen wissenschaftlicher Vorträge spannte sich der Bogen von teils abenteuerlichen Therapien der Vergangenheit bis zu modernen Behandlungsoptionen und Impfungen.

Weltweit steigen Ansteckungszahlen

„Sexuell übertragbare Erkrankungen wie Tripper, Syphilis oder Chlamydien-Infektionen nehmen seit einigen Jahren wieder zu. Die WHO spricht von einer ‚stillen Epidemie‘. Aufgrund der fortschreitenden Antibiotikaresistenzen besteht dringender Bedarf an der Entwicklung neuer Behandlungen und Impfstoffe. Ein Meilenstein war die Entwicklung eines Impfstoffes gegen HPV“, ist Univ.-Prof. Dr. Georg Stingl, Emeritierter Vorstand der Klinik für Dermatologie, Medizinische Universität Wien, überzeugt.
Es gibt über 30 verschiedene sexuell übertragbare Bakterien, Viren und Parasiten, wobei die vier häufigsten Erkrankungen Chlamydien-Infektionen, Tripper (Gonorrhoe), Syphilis und eine Ansteckung durch Trichomonaden-Parasiten sind. In Europa werden jährlich mehr als 500.000 sexuell übertragene Infektionen verzeichnet – Tendenz stark steigend. Zwischen 2012 und 2018 nahmen die Fälle von Tripper um dramatische 93 Prozent und die von Syphilis um 58 Prozent zu. Weltweit stecken sich jeden Tag mehr als eine Million Menschen zwischen 15 und 49 Jahren mit einer sexuell übertragbaren Erkrankung (STD) an. Betroffen sind alle sozialen Schichten, vermehrt 20- bis 30-Jährige mit höherer Mobilität, einer freieren Sexualität, Männer, die mit Männern Geschlechtsverkehr haben, und Frauen mit Migrationshintergrund. „Geschlechtskrankheiten zählen global zu den fünf häufigsten Erkrankungen, weswegen Erwachsene eine ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen. Wenn man bedenkt, dass sexuell übertragbare Erkrankungen mit Scham behaftet sind und viele Betroffene daher nicht zum Arzt gehen sowie ein großer Anteil an STDs ohne Symptome verläuft, wird die Dimension noch größer“, sagt Stingl.

Zunahme der STDs auch in Österreich

Acht von zehn aller Frauen und Männer stecken sich im Laufe ihres Lebens mit genitalen humanen Papillomviren (HPV) an, die für über 70 Prozent aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sind. In Österreich werden jährlich etwa 400 neue Fälle und etwa 180 Todesfälle verzeichnet. Auch ein deutlicher Anstieg an klassischen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Tripper wird in Österreich registriert. Allein in Wien wurden im Jahr 2019 knapp 1.500 Fälle von Gonorrhoe gemeldet – die Dunkelziffer nicht mit eingerechnet. In Österreich infizieren sich rund 30.000 Menschen pro Jahr mit Chlamydien-Bakterien. Bis zu 10 % der Jugendlichen infizieren sich pro Jahr mit Chlamydien und etwa ein bis zwei Menschen pro Tag mit HIV. „Mit Beginn der Corona-Pandemie gab es zwar einen Rückgang an STDs, vermutlich aufgrund der verringerten Sozialkontakte und durch die reduzierten Arztbesuche. Es ist aber davon auszugehen, dass sich der Aufwärtstrend weiter fortsetzt“, ist Stingl überzeugt. Einige weitere wichtige Krankheiten werden zwar nicht ausschließlich, aber doch sehr häufig durch den Geschlechtsverkehr übertragen: Hepatitis B, Skabies oder Filzläuse und zählen damit auch zu den sexuell übertragbaren Erkrankungen.
„Der weltweite Anstieg aller STDs ist neben einem erhöhten sexuellen Risikoverhalten auf die zunehmende Antibiotikaresistenz zurückzuführen. So galten Gonorrhoe-Infektionen über viele Jahre als relativ einfach zu behandeln. Sukzessiv sind jedoch Resistenzen gegen alle zur Behandlung eingesetzten Therapeutika wie Penicillin, Ciprofloxacin oder Azithromycin entstanden. Antimikrobielle Resistenzen generell und auch bei sexuell übertragbaren Erkrankungen haben sich zu einer globalen Krise entwickelt“, sagt Stingl.

Meilenstein HPV-Impfung

Eine der großen Errungenschaften war die Entwicklung eines Impfstoffes gegen HPV. Die HPV-Impfung schützt gegen die wichtigsten neun HPV-Typen und senkt damit das Risiko für Genitalwarzen und Gebärmutterhalskrebs um bis zu 90 %. „Eine aktuelle Studie bestätigt die hohe Wirksamkeit und weist erstmals eindrucksvoll direkt eine Schutzrate von 87 Prozent gegen die zwei gefährlichsten Varianten HPV 16 und HPV 18 nach. Eine umfassende Metaanalyse zeigte, dass seit der Einführung der Impfung die Häufigkeit der Infektionen, Vorstufen des Zervixkarzinoms sowie Anogenitalwarzen deutlich zurückgegangen sind. Auch das Risiko für Krebs an Rachen, Kehlkopf, Scheide, Anus und Penis wird gesenkt“, beschreibt Stingl.
In einer schwedischen Studie wurden die gesundheitlichen Auswirkungen und die Kosteneffizienz eines geschlechtsneutralen HPV-Impfprogramms im Vergleich zur reinen Impfung von Mädchen bewertet. Das Ergebnis: Ein Impfprogramm für Mädchen und Jungen reduziert HPV-bedingten Krebs und dessen Vorstufe sowohl aufgrund direkter Effekte bei Geimpften als auch durch die Herdenimmunität. „Die Kosten pro gewonnenes gesundes Lebensjahr wurden auf 40.000 Euro geschätzt. Ein geschlechtsneutrales HPV-Impfprogramm hat also ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis. Österreich hat hier eine Vorreiterrolle inne, da beide Geschlechter Zugang zum kostenlosen Kinderimpfprogramm haben“, weiß Stingl. Aufgrund der fortschreitenden Antibiotikaresistenz besteht aus Sicht des Experten dringender Bedarf an der Entwicklung neuer, erschwinglicher Behandlungen und Impfstoffe für sexuell übertragbare Infektionen. Zur Erkennung und Verhinderung der Übertragung sind ausgeweitete und verbesserte Testungen der Erkrankten und ihrer Sexualpartner wichtig.

Neue Impfstoffkonzepte immer gefragt

Viele Geschlechtskrankheiten verlaufen beschwerdelos und bleiben daher auch lange Zeit unbemerkt. „Unbehandelt können sie allerdings zu Komplikationen und auch zu schwerwiegenden Folgen wie Unfruchtbarkeit oder Krebs führen. Aus diesem Grund sind Impfungen von großer Bedeutung, um tatsächlich einen Rückgang von sexuell übertragbaren Infektionen zu bewirken“, betont Univ.-Prof. Dr. Georg Stary, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für STD und dermatologische Mikrobiologie (ÖGSTD) und Dermatologe an der Universitätsklinik für Dermatologie, Medizinische Universität Wien. Herpes und Syphilis können das Risiko einer HIV-Infektion um das Dreifache oder mehr erhöhen. Eine Infektion mit Humanen Papillomviren kann Gebärmutterhalskrebs verursachen. Gonorrhoe (Tripper) und Chlamydien sind Hauptursachen für Unterleibsentzündungen und Unfruchtbarkeit bei Frauen. Breit angesetzte Screening-Strategien und Massenbehandlungen mit Antibiotika haben in der Vergangenheit keinen Erfolg gebracht und die Neuinfektionen steigen. Bei Gonokokken und Mykoplasma-genitalium-Infektionen kommt hinzu, dass vermehrt Resistenzen gegen Antibiotika auftreten, was ebenfalls neue prophylaktische Strategien, wie Impfungen, erfordert.

Impfung gegen Chlamydien-Infektion in Sicht

Trotz der Erfolge in der Prävention und Behandlung von Geschlechtskrankheiten gibt es viele Krankheitserreger, gegen die noch keine schützende Impfung entwickelt werden konnte. Daher braucht es weiterhin immer wieder neue Konzepte. So ein vielversprechendes neues Konzept entwickelte ein Forscherteam der Harvard-Universität unter der Leitung von Stary. Ihnen gelang es erstmals, das Immunsystem so anzuregen, dass es sich effektiv gegen Chlamydien-Bakterien zur Wehr setzt, und zwar direkt an der Eintrittspforte der Bakterien, wo auch die Entzündung entsteht, nämlich an der Schleimhaut. Das neue Konzept erzeugt somit eine doppelte Immunantwort. Das Patent wurde inzwischen von einem Start-up in Boston lizenziert. Diese Erkenntnis könnte künftig den Weg für Impfungen anderer Typen von Schleimhautinfektionen ebnen. Weitere Anwendungen, inklusive Vakzine zum Schutz vor Krebserkrankungen, werden bereits erforscht.
HI-Viren zeigen der Impfstoffentwicklung ihre Grenzen auf. Seit drei Jahrzehnten wird versucht, einen wirksamen Schutz zu finden. Bisher ohne Erfolg. Aktuell wird versucht, mithilfe der neuen mRNA-Technologie einen HIV-Impfstoff zu ent­wickeln. Erste Tests starteten im Sommer.

„Im Gegensatz zur Covid-19-Erkrankung, gegen die innerhalb eines Jahres nach Identifizierung des Virus ein effektiver Impfstoff Marktreife erlangte, gibt es 28 Jahre nach Entdeckung von HIV-1 – trotz intensiver Forschung – noch immer keine schützende Impfung. Zahlreiche große Impfstudien, die entweder HIV-1-Proteine oder Teile des Virus in einem anderen viralen Vektor verwendeten, erzielten zwar neutralisierende Antikörper, aber keinen soliden Schutz gegen die Infektion mit anschließender Erkrankung“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Erwin Tschachler, Editor-Elect Journal of Investigative Dermatology, Universitätsklinik für Dermatologie, Medizinische Universität Wien, und gibt Einblick in die aktuelle Entwicklung: „Die neue Technologie mittels mRNA-Impfung könnte eine Option sein, die auch bei HIV funktioniert, da man damit relativ gefahrlos mRNA für verschiedene Virusproteine in den Organismus einbringen könnte.“ Im August wurde mit der Erprobung eines mRNA-basierten HIV-Impfstoffs begonnen. In die klinischen Phase-I-Studie wurden 56 gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 50 Jahren eingeschlossen. Ziel der nächsten Monate ist, die Sicherheit von zwei Varianten dieses Impfstoffs zu testen und herauszufinden, ob eine Immunantwort erreicht wird. „Verlaufen diese Tests positiv, muss noch in breit angelegten Phase-II- und Phase-III-Studien untersucht werden, ob und wie gut der Impfstoff imstande ist, eine HIV-Infektion wirksam zu verhindern“, so Tschachler abschließend. rh


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