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Frauenquote: Müssen Ärztinnen zusätzlich gefördert werden?

Die Medizin wird zunehmend weiblicher, dennoch finden sich nach wie vor in den Führungsebenen vergleichsweise deutlich mehr Männer. Könnten Quoten Abhilfe schaffen?


Foto: istockphoto/demaerre

Dr. Eva Schadelbauer, Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie, Medizinische Universität Graz. Foto: Werner Stieber

Dr. Eva Schadelbauer, Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie der Medizinischen Universität Graz, im Gespräch über Frauenförderung und Frauenquoten.

?Warum ergreifen immer mehr Frauen den Arztberuf?
Das hat gewiss mehrere Gründe: Zum einen möchten Frauen Männern in nichts mehr nachstehen. Seit der Zulassung von Frauen zur Medizinischen Fakultät in Österreich im Jahr 1900 hat sich einiges getan. Die meisten Frauen genießen die Selbstständigkeit und das gesellschaftliche Ansehen, das sie durch das Ausüben dieses erfüllenden Berufes erlangen – das war früher den Männern vorbehalten. Außerdem ist es schön, dass der Anteil der Forscherinnen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat und Frauen einen entscheidenden Beitrag zum Gewinn neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse leisten. Zum anderen handelt es sich um einen sehr sozialen Beruf, in dem man eng mit Patientinnen und Patienten, ärztlichen Kolleginnen und Kollegen und anderen Berufsgruppen zusammenarbeitet und dabei viele verschiedene Rollen wie die der Zuhörerin, der Beraterin und der Helfenden einnimmt und ärztliche Fürsorge leistet. Viele Frauen können sich mit diesen Rollen sehr gut identifizieren und mögen das zu ihrem Vorteil nutzen.

?Was bedeutet das für die Führungsebenen?
Da der weibliche Anteil des ärztlichen Personals stetig zunimmt, wäre eine logische Schlussfolgerung, dass man auch in höheren Positionen immer mehr Frauen antrifft. Das heißt aber auch, dass sich die Rahmenbedingungen für Mitarbeiterinnen langfristig ändern müssen. Es müssen neue Alternativen geschaffen werden, damit man weder auf eine ärztliche Karriere noch auf ein erfülltes Familienleben verzichten muss. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen wie die Möglichkeit auf Teilzeitanstellung, ein umfassendes Angebot zur Kinderbetreuung und die Förderung von Dual-Career-Paaren sind mögliche Angriffspunkte.

?Haben Frauen einen anderen Führungsstil?
Das lässt sich bestimmt nicht verallgemeinern, aber Frauen bringen vermutlich andere Qualitäten in einen Beruf als Männer. Bestimmte Eigenschaften wie Empathie, ein gutes Gespür für Zwischenmenschliches, diplomatisches Handeln und Anpassungsfähigkeit sowie ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit werden vor allem dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben. Außerdem sollen Frauen kooperativer führen und weniger von strengen hierarchischen Strukturen halten.

?Was würde es brauchen, damit mehr Frauen in die Führungsebene aufsteigen?
Umfragen zufolge entscheiden sich Frauen in erster Linie aus familiären Gründen gegen eine berufliche Karriere. Wenn sich Frauen in Führungspositionen den alten Strukturen anpassen und für ihre Karriere auf Kinder verzichten oder die Erziehung anderen überlassen, wird sich nicht viel ändern. Familienfreundlichere Arbeitsbedingungen wie eine flexible Arbeitszeitgestaltung und die Möglichkeit auf Teilzeitarbeit in Führungspositionen sind wichtige Ansätze für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Arbeitsmodelle wie Homeoffice sorgen für mehr örtliche und zeitliche Flexibilität, sind aber (noch) nicht überall möglich. Um neue Modelle jedoch langfristig umzusetzen, müssen Eltern in die Chefetagen. Nur Führungskräfte – Frauen wie Männer –, die Karriere und Familie wollen, werden diese Strategien auch wirklich umsetzen. Weiters wäre die Unterstützung vonseiten erfahrener Kolleginnen und Kollegen im Sinne eines Mentorings sinnvoll. Es bräuchte auch mehr weibliche Vorbilder, um zu zeigen, dass es für Frauen durchaus möglich ist, in höheren Positionen zu arbeiten. Dies würde auch dazu führen, dass sich junge Kolleginnen eine solche Arbeit eher zutrauen.

?Was halten Sie von Frauenquoten?
Eigentlich mag ich keine Quoten, denn sie implizieren, dass eine gewisse Ungleichheit vorliegt. Das allein ist diskriminierend – sowohl Frauen, denen gegebenenfalls vorgeworfen wird, sie hätten einen Job nicht durch eigene Leistung und Qualifikation bekommen, als auch Männern gegenüber, die dadurch das Gefühl haben, benachteiligt zu werden. Aber wir brauchen derzeit Quoten, um den Ist-Zustand zu ändern, und ich halte sie für eine gute Übergangslösung. Geschlechterunabhängige, faire Entscheidungen wären natürlich das zu erreichende Ideal.

?Müssen Frauen in der Medizin also zusätzlich gefördert werden?

Vereinfacht gesagt muss sich eine Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern einstellen. Im Wissen darum, dass dies nicht von selbst geschieht und in vielen Bereichen noch immer das männliche Geschlecht bevorzugt wird, muss aktive Gleichstellungspolitik betrieben werden. Hier kommen wir nun zum Thema der Frauenförderung. Man will damit erreichen, dass die für Frauen bestehenden Nachteile ausgeglichen bzw. zumindest reduziert werden. Hierbei wird jedoch in erster Linie versucht, die strukturellen Bedingungen zu optimieren. Unabhängig davon muss sich in unserer Gesellschaft dennoch ein Verständnis der Gleichberechtigung beider Geschlechter einstellen. Auch für Männer sollte es beispielsweise problemlos möglich sein eine Teilzeitanstellung zu bekommen, wenn sie diese einer Vollzeitarbeit vorziehen. In der Medizin könnten Förderungsprogramme zur Unterstützung und Vernetzung mit Mentorinnen oder Weiterbildungsveranstaltungen  zur Karriereförderung angeboten werden. Es sollte verschiedene Möglichkeiten der Kinderbetreuung sowie Einrichtungen speziell für berufstätige Frauen und Forscherinnen geben. Im Forschungsbereich wären Stipendien zur Förderung von wissenschaftlich tätigen Frauen ein möglicher Ansatz. Wichtig hierbei wäre auch eine Anpassung der Bedingungen, etwa durch die Möglichkeit der Unterbrechung bzw. durch die Erhöhung der Altersgrenze eines Stipendienprogrammes zur besseren Vereinbarkeit mit den vor allem Frauen betreffenden familiären Pflichten.
Frauen sollten umfassende Informationen zu medizinischen Fort-, Weiter- und Ausbildungsmöglichkeiten erhalten und aktiv zur Teilnahme an Veranstaltungen motiviert und für diese auch freigestellt werden. Bereits Studierende sollten früh über diverse Möglichkeiten informiert werden. Die Vergabe von Stellen soll vor allem auch in der Führungsebene transparent sein und eine 50:50 Verteilung unter den Geschlechtern angestrebt werden.
Die genannten Beispiele zeigen nur einen sehr kleinen Einblick in die vielen Möglichkeiten zur Förderung von Frauen in der Medizin. All diese Maßnahmen können jedoch nur unzureichend ausgeführt werden, wenn sie nicht durch geeignete Organisationen wie Gender Units beobachtet und exekutiert werden.

?Warum braucht es überhaupt Gendermainstreaming und Diversity Management im Gesundheitswesen?

Eine Gleichstellung der Geschlechter muss sich etablieren. Dafür sind aber auch geeignete Strategien notwendig. Hier kommt nun das Gendermainstreaming ins Spiel. Dabei werden beide Geschlechter und ihr Bezug zueinander thematisiert. Die Bedürfnisse von Frauen UND Männern müssen in allen Lebenslagen berücksichtigt werden und in Planung und Entscheidungsprozessen in politischen, rechtlichen, sozialen und vielen anderen Bereichen miteinbezogen werden. Die Ergebnisse müssen auf jegliche Auswirkungen auf beide Geschlechter überprüft und bei Bedarf optimiert, evaluiert und gegebenenfalls auch revidiert werden. Das bestehende Problem muss von Grund auf bearbeitet werden und es sollte nicht nur das Endprodukt im Sinne einer „Gleichstellung“ aufgebessert werden. Wir brauchen Gendermain-streaming und Diversitätsmanagement im Gesundheitswesen, um Defizite in der Gesundheitspolitik, -versorgung und -forschung aufzuzeigen, damit Maßnahmen dagegen erfolgreich umgesetzt werden können.

?Ist unsere Gesellschaft – und in unserem Fall die Medizin – bereit für ein Umdenken und ein neues Bewusstsein für Genderfragen?
Eigentlich sollte sich diese Frage gar nicht stellen – die Gesellschaft und vor allem auch die Medizin müssen gerade in Zeiten des Ärztemangels dafür bereit sein. Das Geschlecht, die Herkunft oder das Alter des behandelnden Arztes oder der behandelnden Ärztin sollte in der jetzigen Zeit gar keine Rolle mehr spielen. Die Stellung der Frau in der Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert; das allein setzt ein Umdenken voraus. Wie wir wissen, herrscht in den höheren Karrierestufen aber nach wie vor Aufholbedarf.

?Was würden Sie sich für das Thema Frauen in der Medizin wünschen?
Ich wünsche mir, dass man sich in Zukunft gar nichts für Frauen in der Medizin wünschen muss und dass die derzeit noch bestehenden Unterschiede zwischen Mann und Frau in unserem und auch anderen Berufen bald nicht mehr bestehen. Außerdem wünsche ich mir – sowohl für Frauen als auch Männer – eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, damit man auf nichts verzichten muss und seinen beruflichen und privaten Wünschen gleichermaßen nachgehen kann. bw

Der VLKÖ

Der VLKÖ ist die Plattform leitender Ärzte im Gesundheitswesen. Sie hat engen Kontakt zu über 1.500 Ärzten in Führungsposition und vertritt deren Anliegen und Interessen. Eines der Hauptanliegen des Verbandes ist es, gesundheitspolitische Themen voranzutreiben, um neue, dringend benötigte Lösungsansätze für Probleme, mit denen sich Primarärzte im Berufsalltag konfrontiert sehen, zu diskutieren und so auch zu Verbesserungen beizutragen.


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