Dr. Michael Emich

Interne: Die Königsdisziplin

 

Kaum ein anderes Fach der Medizin hat in den letzten Jahrzehnten eine so ungeheure Entwicklung erfahren wie die Innere Medizin. Sie bietet heute zahlreiche Chancen, weist aber auch durchaus sensible Bereiche auf.

 

Die Innere Medizin galt schon immer als Königsdisziplin der Heilkunde. Kein Wunder, ist doch kein anderes Fach so groß und vielfältig und bietet sich außerdem so gut für die Niederlassung an. Hinzu kommt, dass die Interne in den letzten Jahrzehnten eine ungeheure Entwicklung erfahren hat. Diversifizierungen und Spezialisierungen führten zu einem enormen Erkenntnisgewinn und damit verbunden auch zu beträchtlichem wissenschaftlichen Fortschritt. Die Innere Medizin als „tablettenverschreibendes Sonderfach“ ist längst Geschichte: „Waren ursprünglich neben der Erhebung der Anamnese und der Klinischen Symptomatik die Inspektion, Auskultation, Perkussion und Palpation die diagnostischen Säulen der Inneren Medizin, so werden diese Methoden heute von Endoskopien, Sonographien, Gewebepunktionen, Katheteruntersuchungen, Funktionstests, chemischen Analysen, Genanalysen, Langzeitmessungen etc. essenziell unterstützt“, sagt dazu der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin (ÖGIM), Univ.-Prof. Dr. Ernst Pilger. „Therapeutisch hat die Innere Medizin die Schallmauer der invasiven Therapie ebenfalls längst durchbrochen – der letzte Höhepunkt ist zweifellos die perkutane Implantation von Herzklappen durch den Kardiologen.“

 

Sonderfach mit hohem Anspruch

So ist die Interne de facto zu einem Sonderfach der Medizin mit dem Anspruch des ganzheitlichen Versorgungsprinzips geworden. Flankiert von zusätzlichen radiologischen und nuklearmedizinischen Methoden ist ihr nach Ansicht der ÖGIM-Präsidenten der bedeutendste Anteil an der stark gestiegenen Lebenserwartung der Bevölkerung zuzuschreiben.

Doch es ist nicht nur Versorgung, die dieses Fach der Medizin bestimmt. Auf der anderen Seite kommt der Inneren Medizin nämlich auch eine zentrale Rolle in der Gesundheitsförderung, der Prophylaxe und der Früherkennung von Krankheiten zu.

 

Fragwürdige Gesundheitsreformen

Freilich gibt es auch Schwachstellen, die diesem Fach eigen sind. Da ist zum einen der sich abzeichnende Internistenmangel im stationären Bereich. „Die Ursachen dafür sind einerseits in der Diskrepanz zwischen dem steigenden Bedarf und der gleich bleibenden Anzahl an Ausbildungsstellen, andererseits auch an der mangelnden Attraktivität der Position eines Spitalfacharztes zu sehen“, erklärt Pilger. „Zusätzlich führten die Gesundheitsreformen der letzten Jahre zu einer enormen Verunsicherung der Jungärzte. Die Schwerpunkte der künftigen medizinischen Versorgung wurden einmal in der Stärkung des niedergelassenen Bereichs mit Reduktion der Spitalsambulanzen gesehen, ein paar Jahre später hieß es ‚Konzentrierung im öffentlichen Bereich mit Ausbau der Spitalsambulanzen‘. Heute können wir nicht wirklich sagen, wie die künftige Versorgungslandschaft aussehen wird.“

 

Mindestens acht Jahre Ausbildung

Ein zweites gravierendes Problem ist die Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin. Denn einerseits bedarf es zweifellos Generalisten im niedergelassenen Bereich und in der Leitung von Internistischen Abteilungen, andererseits sind aber auch Spezialisten erforderlich, um internistische Versorgung auf höchstem Niveau gewährleisten und einschlägige Forschung betreiben zu können. „Das derzeitige Ausbildungssystem erlaubt jedoch keine Durchlässigkeit und fordert von jedem Spezialisten die primäre Ausbildung zum Facharzt. Dadurch beträgt die Ausbildungszeit mindestens acht Jahre“, kritisiert Pilger und er betont auch, dass dadurch die Karrierechancen sehr unterschiedlich sind. Zudem werde eine Diskrepanz zwischen dem erworbenen Facharzt- bzw. Additivfachtitel einerseits und der tatsächlichen Kompetenz andererseits oft wahrscheinlich. Ein modernes Ausbildungskonzept – begleitet von entsprechenden Strukturänderungen in der Leistungsabgeltung – sei also dringend erforderlich. (gv)

 

 

Kasten: KARRIERE TALK

 

Primar Dr. Harald Hügel, 70, i. R., Bregenz

 

Dr. Michael M. Emich, nl. FA, 46, Wien  (FOTO)

 

Wie waren die Ausbildungschancen während bzw. nach Ihrer Studienzeit?

Hügel: In Österreich schlecht, ich persönlich habe deswegen meine Ausbildung in der Schweiz absolviert.

Emich: In Österreich miserabel, es gab ca. drei Jahre Wartezeit auf eine Turnusstelle in Wien, im AKH war der Einstieg gar nur als wissenschaftlicher Mitarbeiter – mit Glück im Rahmen einer Projektförderung oder als unbezahlter Gastarzt – möglich.

 

Wie sah es für Sie und allgemein mit Kassenverträgen aus?

Hügel: Relativ gut, weil es wenige Ausbildungsstellen gab, es gab sogar einen Mangel an Fachärzten.

Emich: Kassenverträge wurden nach einem nicht nachvollziehbaren Schema vergeben. Es gab eine „Reihungsliste“ für Allgemeinmediziner; für Fachärzte wurde eine Anmeldung entgegengenommen, aber man hatte das Gefühl, dass das alles Absprachen zwischen Ärztekammerfunktionären und Günstlingen waren. Die Ablösen für solche Praxen hatten es auch in sich, obwohl ja ein Kassenvertrag Allgemeingut der Gesellschaft ist.

 

Welche medizinischen Trends orten Sie in Ihrem Fach?

Hügel: Sicher hatten die Anamnese und die exakte klinische Untersuchung eine wesentlich zentralere Rolle als heute, denn man hatte wenig bis gar keine bildgebenden Verfahren zur Verfügung. Auch die Spezialisierung war kaum noch fortgeschritten, und es herrschte ein ganzheitlicheres Bild vom Patienten als heute, wo die Spezialisierung langsam gefährliche Blüten zu treiben beginnt.

Emich: Der Trend entwickelt sich zur qualitativ hochwertigen Individualmedizin. Jeder, der es sich leisten kann, geht zu einem Wahlarzt, speziell auch bei den chirurgischen Fächern, wo man als normaler Kassenpatient für nicht vitale OPs 6 bis 12 Monate und mehr wartet.

 

Wie wichtig ist eine Spezialisierung?

Hügel: Als ich 1976 aus der Schweiz nach Österreich zurückkam und als Internist zu arbeiten begann, steckte die Spezialisierung noch in den Babyschuhen. So wurde etwa der Additivfacharzt für Gastroenterologie und Hepatologie erst 1990 eingeführt, im Vergleich dazu in der Schweiz bereits in den 20er-Jahren.

Emich: Das Spezialwissen wird immer wichtiger, die Innere Medizin ist als Allrounder nur oberflächlich durchführbar.

 

Welche Zusatzausbildungen waren besonders wichtig oder nützlich?

Hügel: Das war regional bedarfsabhängig – am ehesten Gastroenterologie, aber auch Kardiologie und Rheumatologie.

Emich: Ernährungs-und Sportmedizin, Geriatrie, Genetik.

 

Welche Chancen und Freiheiten bietet das Fach?

Hügel: Große Chancen gab es, wenn man sich spezialisierte und dieses Spezialwissen auch beherrschte, denn es gab ja nur wenige, die damals schon Spezialisten waren.

Emich: Die Innere Medizin bietet das größte Wissen und entwickelt sich sehr schnell weiter.