Arzneimittel:
Gesamtnutzen muss vor Preis gehen
Europa plädiert für einheitliches Health Technology Assessment (HTA) für Medikamente: Höhere Effizienz durch Nutzwert-basierte und nachvollziehbare Preisbildung – Österreich noch weit von tatsächlichem HTA entfernt
Eine nachvollziehbare Preisbildung für Arzneimittel gibt der Pharmaindustrie mehr Kalkulationssicherheit und führt zu höherer Kosteneffizienz, auch bei innovativen Medikamenten. Eine Nutzwert-basierte Preisbildung bei Arzneimitteln bringt damit sowohl der Pharmaindustrie als auch dem Gesundheitssystem Vorteile, so der Tenor einer Expertensitzung beim European Health Forum Gastein (EHFG) im Oktober in Bad Hofgastein/Salzburg.
Nutzwert-basierte Preisbildung
„Wir haben klare Vorstellungen über die Preisgestaltung bei neuen Medikamenten“, betonte Andreas Engström, verantwortlich für Vergütungssysteme bei der Agentur für zahnärztliche und pharmazeutische Leistungen (TLV) in Schweden. „Wir zahlen für die Vorteile, die ein neues Mittel dem Patienten bringt. Aber wir zahlen keinen Cent Steuergeld, wenn eine neue Arznei keine Verbesserungen für die Patienten bedeutet.“
Die TLV bezieht in die Preisbildung für ein neues Medikament sowohl die Verbesserung der Lebensqualität der Patienten als auch die möglichen Kostensenkungen in allen Bereichen, auch außerhalb des eigentlichen Gesundheitssektors, mit ein. „Diese Bewertung ist der Ausgangspunkt für eine rationale und transparente Preisgestaltung“, so Engström. „Die Industrie wird für wirkungsvolle neue Medikamente fair bezahlt und wir vermeiden eine exzessive Preisgestaltung, da wir ein klares Bild des daraus erwachsenden Nutzens haben.“
Diese Art der Preisbildung wird von der Pharmaindustrie im Wesentlichen begrüßt, da die Branche bei anderen Preisbildungssystemen immer öfter Probleme hat, die häufig sehr hohen Kosten neuer, innovativer Medikamente zu rechtfertigen. „Klare Regeln geben uns eine solide Grundlage für unsere Kalkulationen“, bestätigte Thomas Bols vom Biotech-Unternehmen Amgen. „Wir unterstützen eine wertbezogene Preisgestaltung, da sie am besten den Zugang zu innovativen Medikamenten ermöglicht.“
Nach einigen Jahren Erfahrung mit Nutzwert-basierter Preisbildung in zahlreichen Ländern wie z.B. Großbritannien und Schweden zeigt sich, dass dieses System in vielerlei Hinsicht effizienter ist als traditionelle Preisbildungsmethoden auf Basis reiner Kostenvergleiche. Mittel- und langfristig führt diese sogar zu geringeren Kosten. So liegt der Preisanstieg in Schweden seit der Einführung der Nutzwert-basierten Preisbildung deutlich unter dem europäischen Durchschnitt.
Ein weiter Weg
In Österreich erfolgt die Bewertung und Preisbildung für Arzneimittel, die von der Sozialversicherung rückerstattet werden, grundsätzlich über Gremien des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, die auch gesetzlich verankert sind. HTA-basierte Erkenntnisse sind noch nicht in die gültige Verfahrensordnung eingeflossen, obwohl Ansätze dafür bereits durchaus gegeben sind. So müssen Pharmafirmen seit geraumer Zeit auch pharmaökonomische Studien vorweisen, wenn sie ihre Produkte in den Erstattungskodex (EKO) aufgenommen wissen wollen. Der EKO ist jedoch nach wie vor grundsätzlich Preis- und nicht Nutzen-basiert. Zudem agiert der Hauptverband in seinen Verhandlungen auf den Grundlagen der Evidence-based Medicine. Dieser Aspekt ist aber nur für jene Arzneien, die bereits länger auf dem Markt sind, die also eine „Evidence“ vorweisen können, zu erbringen. Für tatsächliche Innovationen, also völlig neue Präparate, die ebenfalls einen großen Patientennutzen mit sich bringen können, kann die Beweisführung schwierig werden, obwohl auch für sie aufgrund des Zulassungsprozesses entsprechende – wenn auch nicht so umfangreiche – Daten vorliegen.
So kommt es, dass innovative und hochwirksame Medikamente oft mangels „Beweisführung ihres Nutzens“ und aufgrund ihres meist höheren Preises erst sehr verzögert Kassenstatus erlangen, was für die Patienten ein Nachteil ist. Im Regelfall landen innovative Arzneimittel für lange Zeit in der „red box“, in der die Verordnung aufgrund der vorgeschriebenen chefärztlichen Vorabbewilligung ohne fixe Regeln extrem eingeschränkt ist. Die „gelbe Box“ wiederum beinhaltet Arzneimittel mit definierten Regeln für die Erstattung, wie z.B. eine vorausgehende chefärztliche Bewilligung. Lediglich die „grüne Box“ enthält frei verschreibbare Medikamente, die jedoch zum Teil auch nur indikationsbezogen von den Kassen erstattet werden.
Weiters sind in Österreich – und auch das ist ein internationales HTA-Kriterium – derzeit auch keine Patientenvertreter in der Heilmittelevaluierungskommission (HEK) vertreten.
Studien sollen neue Strategien ermöglichen
Derzeit gibt es, so Branchen-Insider, eine vom Hauptverband beauftragte Studie beim Österreichischen Bundesinstitut für das Gesundheitswesen (ÖBIG), die zum Ziel hat, festzustellen, wie man im Sinne einer Neuordnung der Arzneimittelbewertung Faktoren wie Referenzpreise, Evidence-based Medicine und eben HTA-Kriterien unter einen Hut bringen kann. Die Studienergebnisse hätten schon in die Gesundheitsreform 2008 einfließen sollen; aufgrund der Neuwahlen sind sie jedoch nach wie vor unter Verschluss.
Österreich: Preise sinken, Verbrauch und Ausgaben im unteren Mittelfeld
Gesichert ist jedenfalls, dass in Österreich die Arzneimittelpreise auf Basis des Fabrikabgabepreises (FAP) nach wie vor unter dem europäischen Durchschnitt liegen und de facto seit Jahren sinken. Eine Medikamentenpackung, die auf Basis des Verbraucherpreisindex 1995 EUR 10,- kostete, kostete 2007 nur mehr EUR 8,40. Beim Arzneimittelverbrauch liegt Österreich ebenso wie bei den Arzneimittelausgaben im europäischen Vergleich im unteren Mittelfeld. Hierzulande beträgt der Arzneimittelanteil an den gesamten Gesundheitsausgaben 12,6%. Deutschland etwa wendet dafür 15,2% auf, Schweden 12% und die Slowakei 31,9%.