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Das medizinische Gewissen
Moderne Alternativen kennzeichnen heute den Eid des Hippokrates als grundlegende Formulierung ärztlicher Berufsethik.
„Medizin ist eine soziale Wissenschaft und die Politik ist nichts weiter als Medizin im Großen“, definierte Rudolf Virchow, Begründer der modernen Pathologie, das medizinische Bewusstsein. Für Jungmediziner Dr. Alex Rosen aus Düsseldorf ist die Haltung Virchows, der 1858 die Zellularpathologie entwickelte, ein Leitmotiv. „Letztendlich hat man ja angefangen, Medizin zu studieren, weil man Menschen helfen möchte. Medizin als konkrete Hilfe bei Krankheit ist eine Sache, aber viele sehen den Anspruch eines Arztes auch über den einzelnen Fall hinaus“, berichtet der 28-jährige Kinderarzt, der seit zwei Jahren an der Düsseldorfer Uniklinik arbeitet, aus seiner Erfahrung. Für die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges sowie Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. (IPPNW) engagiert er sich seit dem Jahr 2000. IPPNW setzt sich weltweit in über 60 Ländern mit insgesamt 200.000 Medizinerinnen und Medizinern für eine menschenwürdige Welt ein. Für Alex Rosen ist die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung außerhalb der regulären Dienstzeit eine Selbstverständlichkeit. Für das MediNetz Düsseldorf ist der Jungarzt seit Juli 2008 wöchentlich zusätzlich 10 ehrenamtliche Stunden tätig. Und das bei einem Klinikpensum von regelmäßig 60 Stunden. Die Initiative MediNetz verhilft Personen ohne Papiere zu ihrem Menschenrecht auf medizinische Versorgung. 25 Aktive leisten so einen sozialverantwortlichen Beitrag neben ihrem Beruf.
Notversorgung in jedem Fall? Auch für Prof. Dr. Ulrich Gottstein, von 1971 bis 1991 Chefarzt der Medizinischen Klinik des Bürgerhospitals Frankfurt am Main und heute Ehrenvorstandsmitglied der IPPNW, ist Sozialverantwortung elementarer Teil der Medizin. Alltägliche Notversorgung gehört dazu. „Ein Arzt ist immer, auch außerhalb seiner Dienstzeit, zur ärztlichen Hilfeleistung verpflichtet“, sagt er und erzählt von einem Auslandsflug, auf dem er einem Passagier mit akutem Schwächeanfall unmittelbar geholfen habe. Dass direkte Notfallhilfe aber nicht immer geleistet wird, kann er sich durchaus vorstellen. „Auch Ärzte sind nur Menschen. Trotzdem ist es erst einmal gegen alles, wofür unser Berufsethos steht.“ Der ältere Herr, der bei einer Vortragsveranstaltung plötzlich bewusstlos von seiner Sitzbank kippt, oder der Passagier im Flugzeug, der sich aufgrund zu enger Sitze eine schmerzhafte Luxation der Kniescheibe zuzieht – Hilfeverweigerung in solchen Notfällen bleibt für Mediziner nicht ohne Konsequenzen. „Das ist ein Grund, die Approbation entzogen zu bekommen. Wer im Notfall nachweislich nicht geholfen hat, macht sich strafbar und kann vor ein Arbeitsgericht gebracht werden“, warnt Rosen vor den Folgen. Ganz anders sehe es in der forensischen Kultur Amerikas aus: „In Amerika gibt es kein Gesetz, das besagt, dass Ärzte helfen müssen. Die amerikanische Gesellschaft für Kardiologie empfiehlt ihren Mitgliedern sogar, in Notsituationen im Flugzeug nicht mehr zu helfen, weil es zu viele Klagen gegen helfende Ärzte gegeben hat“, erläutert Rosen internationale Unterschiede.
Soziales Engagement – ein Luxusgut Der Kinderarzt Rosen empfindet es als Luxus, neben Notfallhilfe auch konkretes soziales Engagement leben zu können. „Ein Luxus, den Ärzte vielleicht häufiger haben als andere Leute.“ Ehrenamtlicher Einsatz für Mediziner über die ohnehin meist hohe Arbeitsbelastung hinaus ist nicht selbstredend. Doch auch wenn in Deutschland ebenso wie in Österreich ehrenamtliches Engagement von Medizinern seitens der Kammern nicht erfasst wird, gibt es dennoch viele Beispiele für „Medizin mit Gewissen“ in den einzelnen Bundesländern. So wird etwa seit September 2006 mit dem Projekt open.med in Bayern medizinische Versorgung für Migranten und Menschen ohne Krankenversicherungsschutz sichergestellt. Open.med in München ist ein Netzwerk von Ärzte der Welt e.V. und beschäftigt 61 niedergelassene Fachärzte der Allgemeinen und Inneren Medizin, der Gynäkologie, Zahnmedizin sowie Augenheilkunde. Darüber hinaus sind im Schnitt regelmäßig 35 Ärzte sowie medizinisches Personal für die humanitäre Organisation auf Auslandseinsätzen.
Humanitätspreis in Oberösterreich Ein vergleichbar engagiertes Bild zeigt sich auch in Oberösterreich. Seit 2007 werden Mediziner, die ehrenamtlich soziale oder medizinische Not lindern, von der Ärztekammer für Oberösterreich ÄOÖ geehrt, die gemeinsam mit den OÖ Nachrichten und der Raiffeisenlandesbank OÖ den Humanitätspreis „Äskulap“ vergibt. Dieser stellt Menschlichkeit, Zivilcourage, persönliches Engagement sowie Mitgefühl und soziale Verantwortung für Mitmenschen ins Rampenlicht. Die mehr als 20 Projekte, für die sich Mitglieder der ÄOÖ im vergangenen Jahr engagiert haben, reichen von augenärztlicher und orthopädischer bis zu kinderurologischer Hilfe, von der Weiterbildung von Pflegepersonal bis zum Einsatz für die Schulbildung in unterversorgten Ländern der Welt. Die Sieger der In- und Auslandsprojekte 2008 werden am 16. Dezember im Rahmen einer Gala geehrt.
Bereitschaft als Mindestmaß an Engagement Auch für Ärzte ohne Grenzen mit weltweit 3.000 Mitarbeitern gehen in Österreich „im Schnitt 100 Personen pro Jahr auf Einsatz. Davon sind zwischen 40 und 50 österreichische Ärztinnen und Ärzte“, teilt die Organisation mit. Die medizinische Notfallhilfe der Projekte fokussiert vorrangig auf eine allgemeine medizinische Grundversorgung. Weitere Schwerpunkte liegen in der Behandlung von Tropenkrankheiten, HIV-Infektionen, Tuberkulose und im Bereich der allgemeinen Chirurgie sowie Kriegschirurgie. Aus Deutschland waren im Jahr 2007 insgesamt 317 Projektstellen durch 244 deutsche Mitarbeiter besetzt. Jungmediziner sind in vielen Organisationen gerne gesehen. In der IPPNW zählen etwa 8.000 Studenten und Jungärzte zu den Mitgliedern. Prof. Dr. Ulrich Gottstein, Mitbegründer der deutschen Sektion, blickt auf eine erfolgreiche medizinische Laufbahn zurück, die soziale Mitverantwortung gelebt hat. Seit 1991 gehört der Chefarzt i.R. zum Gesundheitsausschuss der Stadt Frankfurt, 1992 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. „Mein eigenes Leben hat bewiesen, dass man bei guter Zeiteinteilung und mit Verständnis der Familie neben einer vollärztlichen Tätigkeit sehr viel für Frieden und soziale Verantwortung tun kann.“ Aus der Sicht des Mediziners entspricht ein Mindestmaß an Engagement der grundsätzlichen Bereitschaft, neben der Dienstzeit ehrenamtliche Hilfe zu leisten.
Infos & Kontakt: www.ippnw.org: internationale medizinische Organisation für soziale Verantwortung, in der sich Mediziner der unterschiedlichsten Aus- und Weiterbildungsstufen in insgesamt 62 Ländern engagieren können. IPPNW Deutschland richtet alle fünf Jahre in Nürnberg den Kongress „Medizin und Gewissen“ aus. E-Mail: ippnw www.msf.org: die internationale humanitäre Organisation von „Ärzte ohne Grenzen“ mit Sitz in der Schweiz. Tel.: +41 (22)/849 84 00 www.aerzte-ohne-grenzen.at: die Organisation von „Ärzte ohne Grenzen“ in Österreich. Tel.: +43 (0)1/409 72 76 www.aerztederwelt.org: Informationen zu Tätigkeiten innerhalb von open.med als Projekt von Ärzte der Welt e.V.; Marion Chenevas, Tel.: +49 (0)89/65 30 99 71
Was ist MediNetz? Die medizinische Versorgung vieler in Deutschland lebender Flüchtlinge ist aufgrund ausgrenzender Gesetzgebung nicht oder nur unzureichend geregelt. Viele Patienten ohne Papiere scheuen aus Angst vor Abschiebung oft in Länder, in denen sie politisch verfolgt werden, den Gang zum Arzt. Und der ist nicht selten lebensnotwendig. Mehr als 1.000.000 Menschen leben in einer solchen Situation. Nach geltendem Völkerrecht und aufgrund der ethischen Überzeugung der bei MediNetz ehrenamtlich tätigen Ärzte ist eine medizinische Versorgung allen Menschen, egal welcher Herkunft, Religion, Gesinnung oder staatlichen Legitimation, im Krankheitsfall zugänglich zu machen. MediNetz bietet seit 14 Jahren verfolgungsfreien Raum und medizinische Hilfe für Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus und drückt damit Missbilligung der staatlichen Asylpolitik aus. Die Einrichtungen werden deutschlandweit von der IPPNW unterstützt und sind mittlerweile in Berlin, Bielefeld, Bochum, Bonn, Bremen, Darmstadt, Düsseldorf, Frankfurt a. Main, Freiburg, Göttingen, Halle, Hamburg, Hannover, Köln, Mainz, Mannheim, Marburg, München, Münster sowie Nürnberg vertreten. MediNetz fungiert als Anlaufstelle und vermittelt Menschen, die ärztliche Hilfe benötigen, an ein Netz von Ärzten, die auf eigene Kosten Menschen ohne Papiere behandeln. Die Wahrung der Anonymität jedes Patienten ist dabei wichtiges Arbeitsprinzip und durch die Nichtverpflichtung zur Weiterleitung von Informationen an staatliche Behörden gewährleistet.
Infos & Kontakt: www.aktivgegenabschiebung.de |
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