Kukis, Protektion und Postenschacher

 

Soll man das Angebot, sich für einen Job empfehlen zu lassen, jemandes Protegé zu sein, annehmen oder ablehnen?

 

„Ablehnen!“, lautet Jahr für Jahr die Antwort meiner Studenten, allesamt von der zutiefst europäischen Ansicht durchdrungen, dass Protektionismus grundsätzlich verwerflich sei. Eigentlich verwunderlich in einem hoch kompetitiven Umfeld wie der Kommunikationsbranche, wo gute Jobs bei Topagenturen und in Marketingabteilungen erfolgreicher Unternehmen rar sind.

 

Wer wird empfohlen?

„Protektion“ hat keinen guten Ruf, aber wo liegt die Ursache dafür? Ein Protegé – von protegér (französisch: „beschützen“) – ist nach Wikipedia „ein Schützling oder Günstling … eine mehr oder weniger talentierte junge Person, die von einer älteren Person mit gesellschaftlichem Einfluss und/oder mehr Erfahrung auf einem Gebiet gefördert wird“. Die Definition der riesigen Enzyklopädie freier Inhalte offenbart bereits Gründe für den herrschenden Skeptizismus. Denn warum sollte eine ältere Person eine „mehr oder weniger“ talentierte junge Person fördern statt einer sehr begabten Person?

Menschen, die kraft ihrer Position, Erfahrung und Netzwerktätigkeit häufig nach geeigneten neuen Mitarbeitern gefragt werden, hüten sich vor leichtfertiger Empfehlung. Denn ein Zeugnis für einen anderen Menschen fällt garantiert immer auf den Empfehlenden zurück: im guten wie im schlechten Sinn. Deshalb werden im eigenen Interesse Manager, Mentoren und Führungskräfte nur tatsächlich begabte und/oder geeignete Menschen weiterempfehlen. Als Faustregel gilt: Lassen Sie sich bei der Karriere fördern und freuen Sie sich über einen Fürsprecher! Den Beweis, dass Sie tatsächlich der beste Kandidat sind, müssen Sie im Berufsalltag ohnehin zu 100 Prozent erbringen.

 

Selber Stall, gleiche Sprache

Was passiert, wenn nun zwei Kandidaten gleich gut qualifiziert sind? Dann gewinnen Empfehlungen noch größere Bedeutung: Man wird nach Verbindungen und Netzwerken bei den Bewerbern suchen, die entweder dem Unternehmen nützen, dem kulturellen und sozialen Umfeld der Firmenidentität entsprechen („aus dem gleichen Stall kommen“) oder genügend gute Referenzen aufweisen können. Das ist nicht nur menschlich verständlich, sondern auch Teil einer der Kernaufgaben eines guten Human Resources Managers: Denn unter den genannten Bedingungen kann eine bessere Verständigung im Betrieb vorausgesetzt werden („die gleiche Sprache sprechen“), schnelleres Einarbeiten und funktionierende Teamarbeit sind die Folge. Faustregel Nummer zwei: Netzwerke und Förderer müssen frühzeitig gefunden bzw. gepflegt werden, dann sind sie im entscheidenden Moment auch nützlich.

Wann wird Protektion aber zur „Günstlingswirtschaft“, zum Postenschacher und damit zum negativ besetzten Begriff? Die Empfehlung einer für eine Position keineswegs optimal geeigneten Person, das Fördern von Menschen nur aufgrund von persönlicher Verbundenheit (Familie, Freunde, Netzwerk, Partei, …) oder aus machtpolitischen Gründen war bzw. ist (?) offenbar die Ursache für den Argwohn der Jugend gegenüber Gönnern, Förderern und Mentoren. Faustregel Nummer drei: Ein Protektionskind (ohne Fähigkeiten) zu sein, muss man auch aushalten können.

 

Wer oder was sind Kukis?

Kukis sind Kundenkinder, die schon einmal aus Gefälligkeit einen Ferialjob für ein oder zwei Monate erhalten können. Für längerfristige Stellenangebote sind sie jedoch mit äußerster Vorsicht zu behandeln: Erstens lassen sie sich nur schwer in die Hierarchie eines Unternehmens eingliedern, weil Vater oder Mutter als wichtige Kunden wahrgenommen werden, deren Sprössling man nicht so leicht etwas anschafft. Zweitens ist es schwierig, am Kuki Kritik zu üben, da Vater oder Mutter als wichtige Kunden ... Somit leidet auch die Ausbildung bzw. Weiterentwicklung des Kukis in der Berufspraxis. Und drittens haftet dem Kuki der Nimbus des „Spions“ an, der den Eltern-Kunden unter Umständen Interna berichtet, die nicht für Kundenohren bestimmt sind.

Dennoch gibt es Berufszweige, deren Kinder prädestiniert sind, die elterliche Tradition fortzuführen. Weil sie um die Besonderheiten des Berufsstandes wissen, weil sie bereits an außerordentliche Lebensumstände gewöhnt sind: Botschafterkinder zählen beispielsweise dazu, die gelernt haben, in und mit verschiedenen Kulturen zu leben. Oder auch Ärztekinder, die den Preis für soziales und berufliches Engagement bereit sind zu bezahlen: wenig Zeit für Familie und Freunde.

Ein guter Mentor mag aber auch mit Kukis unter seinen Protegés umgehen können, wenn er folgende Voraussetzungen erfüllt:

·        umfangreiches Wissen und berufliche Erfahrung

·        Führungsposition bzw. ausreichende Berufserfahrung

·        soziale Kompetenz

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Gabriele Stanek, 

 

erfahrene Werbefachfrau und Mutter zweier Töchter, war 7 Jahre als Leiterin der Werbe-Akademie, einer renommierten Aus- und Weiterbildungsstätte für Nachwuchskräfte in Marketing und Werbung, tätig, bevor sie die Verlagsleitung beim ÄrzteVerlag übernahm.