Tausche OP-Tisch gegen Chefsessel
Sie hängen den weißen Kittel an den Nagel und kleiden sich fortan im Business-Outfit. Österreichs GründerInnen-Boom hat längst auch Ärztinnen und Ärzte erfasst. In der Wahl ihrer Geschäftstätigkeit beweisen sie bemerkenswerte Kreativität, zugleich gehen sie bei der Planung und Durchführung mit geradezu chirurgischer Präzision vor.
Die Idee der bereits sehr erfolgreich etablierten Grazer Gynäkologin Dr. Gudrun Lorenz-Eberhardt begeisterte die Jury, die über die 2006 erstmals zu kürende „Gründerin des Jahres“ zu entscheiden hatte. Verband sie doch ihre medizinischen Kenntnisse mit ihrem Hobby, dem Reiten. Die begeisterte Pferdesportlerin hatte festgestellt, dass von den 1,4 Millionen Sportpferden in Österreich, Deutschland und der Schweiz rund 80 Prozent mindestens einmal jährlich wegen Veränderungen am Bewegungsapparat in ärztlicher Behandlung sind. Mit der von ihr ins Leben gerufenen Firma „Sanvivax“ spezialisierte sich als eines der ersten Unternehmen in Europa und als erstes in Österreich auf die Stammzelltherapie bei Pferden. Durch die Therapie mit körpereigenen Stammzellen können verletzungsbedingte Pausen erheblich verkürzt werden. „Die Stammzelltherapie ist eine sehr effiziente Behandlungsart, die eine sehr hohe und vor allem langfristige Erfolgsrate aufweist“, erläutert Lorenz-Eberhardt, wie ihr Start-up-Unternehmen binnen kürzester Zeit am Markt Fuß fassen konnte.
Gegen alle Widrigkeiten
Der unbändige Wunsch zu arbeiten, Mut und buchstäblich unternehmerischer Geist sind die starken Kräfte, die die in Graz lebende Medizinerin Dr. Eva Renate Schmidt vorantreiben. Vor wenigen Tagen hat sie die notwendigen Papiere in der GründerInnenberatung der Wirtschaftskammer abgeholt. Ehe sie sich entschied, sich mit Permanent Make-up selbstständig zu machen, musste die Ärztin, die ihr Studium im Frühjahr mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen hat, Abschied von einem Traum nehmen: „Ich wollte Dermatologin werden und es kann keiner sagen, ich hätte mich nicht bemüht!“ Deshalb arbeitete sie bereits während des Studiums als – kostenlose – Gastärztin an der Dermatologie. Eine anstrengende Gratwanderung zwischen Ausbildung, Arbeit und der Betreuung ihrer beiden Kinder. Zeit, sich auf die Prüfungen vorzubereiten, blieb nur nachts. Und dennoch: Sie hat sie alle geschafft, auf Anhieb und mit „lauter Einsern und Zweiern“.
Man möchte glauben, dass tüchtigen und leistungswilligen Menschen Tür und Tor geöffnet wären. Doch weit gefehlt. Die Medizinerin verstand bald, dass es mit einer Anstellung nichts werden würde. Also untätig im Warteraum für den Turnusplatz sitzen und sich mit dem Unterhalt durchschlagen? Ein Rat, den sie häufig hörte. Doch das ist ihre Sache nicht. „Es ist nicht meine Maxime, den Rest meines Lebens vom Unterhalt zu leben – ich leide schrecklich darunter!“, sagt Dr. Schmidt. Und: „Für meinen Exmann ist das eine Menge Geld, für mich und die Kinder aber sehr wenig.“
Lieber nimmt sie ihr Leben selbst in die Hand, auch wenn sie statt Unterstützung vorwiegend Unverständnis erntet und erst einmal Steine aus dem Weg räumen muss, die dort gar nicht liegen sollten. Aber nichts kann sie aufhalten. Ihre Eltern haben ihr für den Start mit Geld ausgeholfen. „Schulden will ich keine machen“, sagt sie kategorisch. Erst, wenn genügend Geld gespart ist, folgt der nächste Schritt. Einen Raum anmieten, später das Angebot ausweiten. „Eigentlich“, sinniert sie, „wollte ich Menschen helfen, gesund zu werden, anstatt sie am Altern zu hindern. Ich liebe es, mit Patienten zu arbeiten!“
Das erste Jahr ihrer Selbstständigkeit, da macht sie sich nichts vor, wird kein Honiglecken. Aber dann wird sie sich ein stabiles Standbein geschaffen haben, aus dem sie nach Abschluss des Turnus ihre Lebensgrundlage entwickeln wird – mit einer Privatordination als Allgemeinmedizinerin und einem breiten Angebot an ästhetischer Medizin. „Es war eine Notlösung, mit der ich immer glücklicher werde“, resümiert sie entschlossen und man spürt: Diese Frau wird ihren Weg gehen!
Die Erfinder
An einem entscheidenden Punkt ihres Forschungsunternehmens „AFreeze“ sind der Kardiologe Dr. Florian Hintringer und der Medizintechniker Dr. Gerald Fischer angelangt. Am 22. Oktober wollen sie mit ihrem Prototyp eines Katheters erstmals durch die Vorhofscheidewand in denie linken Kammer Vorhof eines Schweineherzens vordringen. Ihre Entwicklung wird die minimal-invasive Behandlung der weltweit häufigsten Herzrhythmusstörung, dem Vorhofflimmern, revolutionieren.
„Wir sehen, wie sehr Menschen unter dieser Erkrankung leiden, obwohl sie nicht lebensbedrohlich ist“, berichtet Dr. Fischer vom Leiden der Patienten. „Das Herz rast, der Puls ist über Monate hinweg hoch. Sie können nichts mehr unternehmen, kaum mehr einem Hobby nachgehen.“ Ende 2004 kam den beiden im Rahmen ihrer gemeinsamen Forschungsarbeit an der Medizinischen Universität Innsbruck und der UMIT, der Privaten Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik in Hall in Tirol, die Idee, diesen Katheter zu entwickeln. Zwar ist die minimal-invasive Behandlung über Katheterablation schon seit etwa 15 Jahren möglich. Doch gerade bei Vorhofflimmern konnten damit bisher nur bescheidene Erfolgsraten erzielt werden – die Katheter erwiesen sich für diesen Zweck als unzureichend, die Eingriffe waren risikoreich.
Ein Businessplan-Wettbewerb erwies sich als glückhafter Ansporn, die Gründung voranzutreiben, und brachte sie zu CAST, dem „Center for Academic Spin-offs Tyrol“. „Unsere Ansprechpartner dort waren begeistert von der Idee“, erinnert sich Dr. HintringerFischer, „und haben sich sehr um die Finanzierung bemüht.“ Immerhin müssen bis zur Humananwendung rund drei Millionen Euro aufgebracht werden. Die Investoren wissen um den Wert der enormen Anstrengungen. Denn 50 Millionen Menschen, die in industrialisierten Ländern unter Vorhofflimmern leiden und denen mangels wirksamer Therapie bisher nicht geholfen werden kann, bilden das Marktpotenzial für „CoolLoop“, so der Markenname des Katheters.
„In Analogie zur chirurgischen Behandlung können wir mit unserer innovativen Kathetertechnik lange, kontinuierliche Verödungslinien herstellen, die für den Behandlungserfolg unerlässlich sind“, beschreibt Dr. Florian Hintringer die Grundidee des innovativen Katheters. „Die Verödung stellen wir mithilfe von Kälte her, führen also eine Kryoablation durch. Das schont das umliegende Gewebe.“ Die Tierversuche waren äußerst viel versprechend. „Es ist schon toll: Man schaut ins Röntgen und sieht den Katheter im Herzen“, freut sich Dr. Gerald Fischer über die bisherigen Fortschritte. Für 2010 ist die Erstanwendung an Patienten und die Durchführung kontrollierter Studien geplant. Geht alles gut, soll das Produkt 2011 auf den Markt gebracht werden.
Hat da jemand gesagt, die Österreicherinnen und Österreicher wären wenig unternehmungslustig und risikofreudig? Das war gestern. Dr. Lorenz-Eberhardt, Dr. Schmidt und das „AFreeze“-Team um Dr. Hintringer und Dr. Fischer stehen für eine Generation von engagierten Medizinern, die humanitäre Ideen und wirtschaftlichen Erfolg klug zu verbinden wissen.