Dr. Sylvia-Carolina Sperandio

Medizin, Männer, Militär – und eine Frau

 

Wer kennt sie nicht – „M*A*S*H“, eine tragisch-komische US-amerikanische Fernsehserie, die in einem mobilen Feldlazarett der US Army während des Korea-Kriegs angesiedelt ist. Aber wie so oft, wenn es um das Berufsbild des Mediziners geht, hat die Realität mit diesem TV-Format recht wenig gemein.

 

Einen Blick hinter die Kulissen und den durchaus beeindruckenden Werdegang der ersten Offizierin des Österreichischen Bundesheeres gewährte uns Dr. Sylvia-Carolina Sperandio, bis vor Kurzem Kommandantin der Sanitätsanstalt OÖ und ärztliche Leiterin der Sonderkrankenanstalt für Heeresangehörige und seit November als Referentin für militärische Luftfahrtmedizin und atomare und chemische Abwehrmedizin in der Abteilung Militärmedizin des Bundesministeriums für Landesverteidigung in Wien tätig. „Arzt zu werden war schon in meiner Kindheit mein Berufswunsch“, erklärt die Medizinerin in knappen Worten und hinterlässt fürs Erste den Eindruck, damit schon alles gesagt zu haben. Nicht zuletzt das verschmitzte Lächeln lässt darauf schließen, dass auf diesen Entschluss weit mehr gefolgt ist als eine Karriere, die als Musterbeispiel für Frauen in einer Männerdomäne gilt.

 

Ein ganz normaler Werdegang?!

Noch während der Ausbildung zur Allgemeinmedizinerin wird sie von einem Kollegen auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, Notarztkurse beim Österreichischen Bundesheer zu besuchen. Der erste Kontakt mit dem „Arbeitgeber Heer“ beschränkte sich vorerst auf den Kurs, denn zu diesem Zeitpunkt waren Frauen im Dienste des Österreichischen Bundesheeres noch kein Thema. Etwa eineinhalb Jahre später – zeitgleich mit dem Beschluss, Frauen in Uniformen auch hierzulande zuzulassen, erhielt Sperandio einen Anruf von ehemaligen Kurskollegen und startete kurz darauf als eine von fünf Frauen ihren Militärdienst. „Für mich war es genau die richtige Chance zum richten Zeitpunkt, denn ich wollte nicht in einem Krankenhaus bleiben, bin grundsätzlich abenteuerlustig und habe eine Reihe von passenden Zusatzausbildungen für Auslandseinsätze, wie etwa Tropenmedizin oder Alpin- und Höhenmedizin“, resümiert die Heeresangestellte heute, nicht ohne einen wesentlichen Unterschied zu andern Alternativen zu nennen, wie etwa Ärzte ohne Grenzen oder ähnliche humanitäre Einsatzfelder für Mediziner: „Ich gehe in einer ganz anderen Sicherheitsstruktur und in einem geordneten Umfeld in den Einsatz. Das war und ist mir sehr wichtig“, so Sperandio. Im Juni 1998 nahm sie den Befehl zum Einrücken entgegen und absolvierte wie alle Grundwehrdiener in Österreich eine sechsmonatige Grundausbildung, in der militärisches Wissen und der Gefechtsdienst im Mittelpunkt des Lernens standen. „Für mich war es eine der schönsten Zeiten meines Lebens“, gerät sie fast ins Schwärmen, denn: „Im Gegensatz zu meiner bisherigen Beschäftigung in der Notaufnahme eines Krankenhauses lief plötzlich alles sehr strukturiert ab, und ich erhielt klare Befehle, die es zu befolgen galt. Ohne Stress und ohne ständig über Leben und Tod entscheiden zu müssen, stand ich nun vor einer völlig neuen Herausforderung, die mir mächtig Spaß gemacht hat“, erinnert sich Sperandio. Sie lernte schließlich unterschiedliche ärztliche Funktionen im System des Heers kennen, wurde zum Offizier des Militärmedizinischen Dienstes ernannt und arbeitete im Militärspital in Innsbruck (A), wo sie den gesamten ambulanten Bereich managte.

Im Jahr 2000 wurde sie Kommandantin der Sanitätsanstalt Oberösterreich. Die Sonderkrankenanstalt für Heeresangehörige umfasst 50 stationäre Betten und ist neben der medizinischen Versorgung von Heeresangehörigen auch für die Ausbildung von Rettungssanitätern, die medizinische Versorgung bei Einsätzen und die Mobilmachung von Feldspitälern verantwortlich. Diese 60 Zelte können innerhalb weniger Tage aufgebaut werden, verfügen über 45 stationäre Betten und können rund 300 ambulante Patienten pro Tag versorgen.

 

Frauen im System

Nun haben es Frauen in Führungspositionen an sich schon nicht immer ganz einfach, und wer nun denkt, dass die männerdominierte Heereswelt diesen Umstand noch verstärkt, der irrt. „Ich habe natürlich negative Begegnungen gehabt, und eine Gewöhnungsphase war schon nötig, als plötzlich Frauen als Kameradinnen oder gar als Kommandantinnen auftauchten. Das waren aber grundsätzliche Fragen, die sich plötzlich in der Heeresorganisation stellten, und alles auf den Kopf stellten“, erzählt Sperdanio. „Wir Frauen waren eine derartige Minderheit, dass wir gar nicht erwarten konnten, dass sich alles nach uns richtet, im Gegenteil. Hier war Anpassung gefragt, als Frauen mussten wir uns kräftig zurücknehmen. Ich denke aber, dass es grundsätzlich eine Anforderung an Führungskräfte ist – egal in welcher Struktur – für ein Ziel oder eine Sache einzustehen und nicht persönliche Befindlichkeiten auszuleben.“ Die Frage nach der Durchlässigkeit einer gläsernen Decke stellt sich gerade im Heeresbetrieb nicht so wie in der Privatwirtschaft, denn hier gilt das eiserne Senioritätsprinzip. Wer „als Uniformierter“ nach oben will, muss bestimmte Ausbildungen durchlaufen und sich hochdienen. Das erfordert Zeit, die unabhängig vom Geschlecht geduldig erwartet werden muss. Eine Neidgenossenschaft hat Sperandio weder privat noch beruflich erlebt – im Gegenteil: Als stellvertretende Gleichbehandlungsbeauftragte im Bundesministerium für Landesverteidigung unterstützt sie Mentoringprogramme und erntet durchwegs positives Echo, wenn es um die Förderung von Frauen im Militärdienst geht.

 

In kürzester Zeit abrufbar

Für Sperandio ist ihr Job „eine Arbeit wie jede andere“, und dennoch beeindrucken unter anderem auch ihre Auslandseinsätze und die damit verbundenen Aufgaben, welche die engagierte Mediziner wahrnimmt. So ist sie etwa für die Vereinten Nationen ein „high residence-Mitglied“ der UNDAC (United Nations Disaster and Assessment Coordination), wo sie unter anderem im Rahmen der Katastrophenhilfe als Experte beigezogen wird. „Das war eines meiner großen Ziele“, erzählt die Ärztin. Im Rahmen dieser Aufgabe werden Experten aus aller Welt in kürzester Zeit zu einem Team zusammengestellt und stehen im Anlassfall, wie etwa bei Erdbeben, den jeweiligen Regierungen unterstützend zur Seite. „Wir evaluieren die dringendsten Bedürfnisse und sorgen dafür, dass die internationalen Hilfsorganisationen in Abstimmung mit den Regierungen koordiniert vorgehen können“, gibt Sperandio Einblick. Dass der Einsatz selten von einem Sterne-Hotel aus geleitet wird, liegt auf der Hand. „Ein Teil der Arbeit spielt sich hier tatsächlich vor Ort, direkt bei den Betroffenen ab. Frauen sind besonders gefragte Einsatzkräfte, weil es viele Länder gibt, in denen sie aufgrund des kulturellen und religiösen Hintergrundes bei der weiblichen Bevölkerung oft den einzigen Zugang finden“, gibt die Expertin Einblick. Die Einsätze dauern im Schnitt zwischen zwei und vier Wochen und führten Sperandio unter anderem zum Erdbeben in die Türkei oder nach Peru. Dass sie in diesem Zusammenhang auch als erfahrene Fliegerärztin gilt, die zur Verfügung steht, wenn es um die internationale Zusammenarbeit im Patientenlufttransport geht, scheint schon fast selbstverständlich. In ihrer neuen Aufgabe im Referat für Luftfahrtmedizin arbeitet sie seit Kurzem nunmehr auf strategischer Ebene mit.

„Ich würde einem jungen Mediziner durchaus raten, eine Ausbildung beim Heer zu überlegen und auch einmal bei einem Auslandseinsatz dabei zu sein. Selbst wenn man nicht im System bleibt, lernt man hier mehr über Menschen und sich selbst als in jeder anderen Ausbildungsstelle“, ist Sperandio überzeugt. Die Zusammenarbeit läuft aus Sicht der Ärztin ganz anders ab, als etwa in einem zivilen Krankenhaus, denn: „Nicht immer habe ich eine funktionsfähige Struktur hinter mir und schon gar nicht ist jede medizinische Aufgabe im Feld immer gleich. Wenn das nächste Krankenhaus kilometerweit weg ist, gilt es rasch und kompetent Entscheidungen zu treffen und sich auf sein medizinisches Wissen völlig zu verlassen, gute Diagnosen zu stellen und improvisieren zu können.“

 

Die Alternative im Handgepäck

Es macht wohl die Kombination aus den kurativen und den strategischen Führungsaufgaben aus, die den Beruf im Heer so abwechslungsreich und spannend machen. Und es gilt, die eigene Leistungsfähigkeit auch im Ernstfall aufrecht zu erhalten, um für andere da sein zu können. Zu guter Letzt heißt das Motto: flexibel bleiben und „für jeden Einsatz“ gerüstet zu sein. In diesem Zusammenhang kommt Sperandio auch ihr Wissen der Traditionellen Chinesischen Medizin zugute: „Meine Akupunkturnadeln sind bei jedem Einsatz dabei. Sie passen in jedes Reisegepäck und brauchen keine Kühlkette!“